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alterlichen Prophctie wird aus einer solchen Notiz keineRückschlüsse auf unser Vaticininm machen. Sodann aber,glaubt denn der Herausgeber wirklich, daß die LehninerMönche aus einer so bestimmt stets eintreffenden Weis-sagung kein Kapital geschlagen hätten, daß sie unbekanntgeblieben wäre?

Ziehen wir das Facit, so ergibt sich mit absoluterSicherheit, daß die Existenz unserer Weissagung vor denletzten Dezennien des 17. Jahrhunderts nicht nachweisbarist. Dieses Moment füllt um so schwerer in'S Gewicht,wenn man berücksichtigt, mit welcher Leichtigkeit sich imMittelalter apokryphe Weissagungen verbreiteten und mitwelcher Zähigkeit sie festgehalten wurden. Das Vati-cinium ist wie die fast gleichzeitige Weissagung desBartholomäus Holzhäuser daS wird die Quellenkritikergeben eine späte Frucht der spiritualistischen Lehredes Abtes Joachim von Fiore und seiner Schule.

Die Kirche zum heiligen Geist in München .

Von Franz Jacob Schinitt, Architekt in München .

Karl der Große ließ sein Münster in Aachen alsgewölbte Achtecks-Basilika mit einem löeckigen Umgänge- - Ausführung bringen, ebenso befahl Kaiser LudwigLcr Bayer um 1327 den Neubau der Heiliggeist-Kirchein München mit einem gewölbten Chorhaupte herzustellen,der Mittelraum desselben sollte mit fünf Seiten des regel-mäßigen Achteckes und der Umgang mit neun Seiten desSechzchneckcs geschlossen werden. In unserem AufsätzederAllgemeinen Zeitung " Nr. 352 vom 20. Dezember1895 über den 12eckigen Centralbau der Sanct Marien-kirche zu Ettal wurde die Vorliebe Kaiser Ludwigs desBayern für eigenartige Architektur nachzuweisen versucht,durch die Münchener Heiliggeist-Kirche möge das Bildvervollständigt werden.

Den Ausführungen des Herrn Stadtpfarrers AdalbertHuhn in seiner verdienstvollen, 1891 erschienenen »Geschichtedes Spitales, der Kirche und der Pfarrei zum heiligenGeist in München " pflichten wir namentlich darin bei,daß die im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts durchden Orden der Bruder vom heiligen. Geiste beim Hospitaleerrichtete einfache Kirche während des großen Stadtbrandes1327 unterging und einen vollständigen Neubau noth-wendig machte. Das nunmehr aufgestellte Bauprogrammverlangte eine Hallenkirche mit Chorumgang und nachinnen gezogene Strebepfeiler, um dadurch architektonisch isixirte Plätze für das Aufstellen der Altäre des Gottes-hauses Zu gewinnen, also der ganz gleiche Gesichtspunkt,wie beim kaiserlichen Bauprogramme der Bcnediktiner-Abieikirche zu Sanct Maria in Ettal . Erinnert mansich, daß die damals in Freising, Salzburg , Negensburg,Passau, Eichstätt, Bamberg und Würzburg bestandenenEpiskopal-Kirchcn nur einschiffige Choranlagen besaßen,o steigert dies die künstlerische That, welche Heiliggeist,n München vom Jahre 1327 ab verwirklicht hat, nochsehr bedeutend. Das Königliche National-Museum inMünchen besitzt ein von Jacob Sandtuer gefertigtesStadtmodcll von 1572, und da sieht man Heiliggeist alsdrcischissige Hallenkirche mit Chorumgang derart dar-gestellt, daß dem Mittelschiffe ein steiles Satteldach undeine ringsum laufende Dachtraufe gegeben war, währenddie Abseiten mit ihren steilen Pultdächern bis zu dieserDachtraufe hinauf steigen; somit bleibt, ganz wie bei derFrauenkirche Münchens, nur ein schmaler Mauerstreifenvom Hochschiffe sichtbar. Diese Construktion der Heilig-geist-Kirche erklärt sich einfach aus dem bei den Dach-

uugen zur Verwendung gekommenen Zicgelmateriale undmuß beim Stande der Technik im vierzehnten Jahr-hunderte als rationell anerkannt werden. Dem Con-strukteur des Werkes ergaben sich hierbei ganz von selbstZwei Kämpferhöhen, der untere Kämpfer für die Abseiten-Scheidcbogen und Gewölbe, dann der ungefähr zwei Meterhöher befindliche obere Kämpfer für die Gewölbe desMittelschiffes. Diese zwei Kämpfer bei Hallenkirchensind nichts Seltenes, und möge hier nur an die Stifts-kirche in Stuttgart, an den Sanct Stefans-Dom in Wien und die von 1425 1439 erbaute Liebfrauenkirche inJngolstadt erinnert werden.

Die älteste bekannte Hallenkirche in den deutschenLändern südlich der Donau ist die dreischisfigc SanctPeters-Pfarrkirche spätromanischen Stiles in Augsburg ,während der gothische Stil als erste Werke die vonKaiser Ludwig dem Bayern errichtete Marienkirche in Eitalund die gleichzeitig in München von ihm erbaute Heilig-geist-Kirche brachte. Ettal ist eine symmetrisch zwei-schisfige Zwölfccks-Hallenkirche, das Münchener Gotteshauseine dreischiffige Langhaus-Anlage, und zwar genau in derheiligen Linie von West nach Ost ausgeführt. Der inden Jahren 17241730 bewirkte Umbau der Heiliggeist»Kirche hat leider so übercuis gründlich mit den mittel-alterlichen Kunstformen aufgeräumt, daß wir diese heutenur noch aus dem unverändert gebliebenen Grundplaneund den Hauptdispositionen des Ganzen zu erkennen ver-mögen. Unter Betastung der sämmtlichen äußeren Strebe-pfeiler von siebenzig Centimeter Breite bei fünfzig Centi-meter Tiefe, der Mittelschiffbreite von 8,40 Meter inden Pfeilerachsen gemessen und der lichten Langhaus-breite von 20,80 Meter bestand die hauptsächlichste Ver-änderung darin, daß man den unteren Kämpfer der Ab-seiten aufhob, die auf Hausteinrippen hergestellten Kreuz-gewölbe der Seitenschiffe einschlug und die heute nochvorhandenen rippenlosen Gewölbe in der Höhe des ur-sprünglichen Kämpfers der Mittelschiffgewölbe zur Aus-führung brachte. Den spitzbogigen Fenstern nahm manihr aus Sandsteinen hergestellt gewesenes Stab- undMaßwerk und beließ zur einfachen weißen Verglasungnur ein schlichtes Schmiede-Eisenwerk, wie cL im acht-zehnten Jahrhunderte bei allen Barockkirchen angebrachtwurde. Ueber den unteren Langfenstern wurden sodannnoch kleine Nosenfenster ausgeführt, damit auch die obereDeckenregion der nöthigen Beleuchtung nicht entbehrte.Nachdem die beiden Seitenschiffe und der Chorumgangmit ihren Dachkränzen bis zur Höhe des Mauerwerkcsbom ursprünglichen Mittelschiffe hinauf geführt waren,lag es nahe, ein mächtiges, ziegelbedecktcs Satteldachüber den drei Schiffen herzustellen, welche Veränderungin ästhetischer Hinsicht nur als Nachtheil für das bisdahin ehrwürdige Gotteshaus bezeichnet werden muß.

Im Mittelalter besaß die Heiliggeist-Kirche einen ander Westseite außerhalb des südlichen Nebenschiffes auf-geführten Steinthurm, der, ähnlich dem heute noch bei derMünchener Sanct Salvator-Kirche befindlichen Thurme,quadratische Untergeschosse und darüber zwei im Achtortconstruirte Obergeschosse nebst achteckiger Pyramide vonHolz mit Ziegelbedachung besaß. Wegen Banfülligkeitsoll das Abtragen dieses Glockenthurmes in späterer Zeitnöthig geworden sein, und erst der Umbau von 1724 bis1730 brachte Heiliggeist den heute noch existircnden hoch-schlanken, viereckigen Pfarrthurm, und zwar vor demMittelfelde des Chorumganges, wo er das ehedem hiervorhandene Hauptfenster der Kirche unschicklich verdeckt