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Wage M Dlgsöurger Weitung, u. E
Die Lehmn'sche Weissagung und ihr alter Ver-theidiger Wilhelm Meinhold .
Von Dr. Franz Kampers.
Dem Uebereifer der Gegner der „Echtheit" desLehnin 'schen VaticiniumS ist es zuzuschreiben, daß die,man dars schon sagen, leidige Frage immer wieder zurDebatte gestellt wird. Schon Max Nuge (Bemerkungenzu dem Vntieiiiimii I^stinnsnso. Progr. des Berlin .Gymn. z. grauen Kloster. 1889.) geißelte diesen Ueber-eifer, der haltlose Hypothesen über den muthmaßlichenAutor und über die Abfassungszeit der Fälschung zubegründen suchte und dadurch den Freunden des Vati-ciniums Wasser auf ihre Mühle lieferte. Von einemeinzigen Gesichtspunkte aus kann das immerhin durchseine Geschichte interessante Schriftstück allein richtig ge-würdigt und ganz verstanden werden, nämlich von demder quellenkritischcn Analyse. Nur im Rahmen derübrigen mittelalterlichen apokryphen Verheißungen vondem großen Wcltmonarchen und dem heiligen Papste derEndzeit lösen sich überraschend einfach die Räthsel, welchedie Weissagung stellt. Darüber gedenke ich mich dem-nächst in selbststündiger Monographie zu verbreiten; hiergenüge ein Hinweis daraus, wie schwach der alte, nun-mehr wiedererstandene*) Kämpe für die „Echtheit" desI^lminönsö, Wilhelm Meinhold , seinen Beweis stützt.
Der größte Theil seines jetzt in 2. Auflage vor-liegenden Buches bietet eine Apologie der Weissagungenüberhaupt; nur 35 Seiten befassen sich mit der Frageder „Echtheit" — von der nachfolgenden Erklärung dereinzelnen Verse, welche zumal in ihrer Schlußpartieals reines Phantaficprodukt gerade geeignet ist, denernsten Leser von der „Unechtheit" der nicht mehr ein-getroffenen Weissagung zu überzeugen, kann hier ab-gesehen werden. Gleich zu Anfang des Kapitels überdas Alter der Lehnin 'schen Prophetie hat Meinhold einearge Textentstellung der 1. Auflage berichtigt. Ur-sprünglich sagte er: „Im Jahre 1722 ließ Schulz dieWeissagung in seinem ,gelahrten Preußen' abdrucken underzählt II, S. 289: sie sei aus dem Mannscript des ver-storbenen Bürgermeisters von der Linde in Danzig ge-nommen, dem ein vornehmer Freund in Berlin einstdie Erlaubniß gegeben, das in Lehnin aufgefundeneOriginal zu copiren." Faktisch steht aber an der citirtenStelle (vergl. Nuge a. a. O. S. 22): „Von diesemgroßmächtigen Hause soll in Lehnin eine Prophezeyungsein gefunden worden, welche mir, da ich in Berlin ge-lebet, ein vornehmer Freund abschreiben lassen. Ich willdieselbe aus dem Msc., welches nach meinem Wissenbisher nicht gedruckt gewesen, dem geneigten Leser mit-theilen." Von dem Bürgermeister und von dem Originalkein Wort! Jetzt ist (vom Herausgeber?) die Stelleziemlich correct angemerkt; nur wird aus „vornehmerFreund" „von hoher Hand" gemacht.
Verfasser wendet sich darnach der Behauptung derGegner zu, daß vor 1692 der Weissagung nirgendwoErwähnung gethan wird, und zieht als Hauptstützeeine angeblich im Jahre 1620 gedruckte Prophezeiungeines Hainno Flörcken heran, in welcher Stellen aus
*) Die Lchnin'iche Weissagung gegen alle,, auch die neuestenEinwürfe vertheidigt, zum erstenmal metrisch übersetzt undcomlncutirt von Wilhelm Meinhold . Ilus'ö neue heraus-gegeben von Paul Majunke . Negensburg, Nationale BerlagS-anstalt. 1896.
einer Lehnin 'schen Weissagung aufgeführt werden. DieserDruck ist aber nicht aufzutreiben, ja nicht einmal irgendwoin den bibliographischen Hilfsmitteln vermerkt; dazu stimmendie Sätze, welche mitgetheilt werden, absolut nicht mit demInhalt unserer metrischen Prophetie. Die Druckschriftbeweist demnach — ihre Echtheit, die ich nicht für unmöglichhalte, vorausgesetzt — nur, daß in Lehnin eine einem MöncheHermann zugeschriebene Weissagung umlief, die aber mitder unsrigen gar nichts zu thun hat; darüber helfen alleJnterpretationsversuche nicht weg. Selbst wenn eineNachricht von unserem metrischen Vaticinium existirte,so könnte diese die Annahme späterer Erweiterungen nichteo ipso beseitigen. Uebrigens ist die Sebaldusprophetienicht, wie Meinhold annimmt, als Quelle Flörckens an-zusehen; abgesehen davon, daß sie mit Carions Weis-sagung sich noch viel enger als äußerlich verwandt dar-stellt, läßt sich in ihr eine in das dreizehnte Jahrhunderthinaufreichende Friedrichprophetie nachweisen, die uns zuganz entgegengesetzten Schlüssen bezüglich des I-estiünönssnöthigen wird. Warum verschweigt übrigens der Heraus-geber, daß der überhaupt nicht genannte Hilgenfeldnoch eine dritte Lehnin 'schc Weissagung citirt, die eben-falls als Frucht joachimitischer Spekulationen unserInteresse verdient?
Die Angabe über Oelvens weiterhin erwähntesPrognostikon, daß ein Hohenzoller Kaiser werden würde,und über seine Aufforderung an das deutsche Volk zurentsprechenden That, „damit das 200jährige Vaticiniumin Erfüllung gehe," kaun ich leider momentan nichtcontrolliren; nach Hilgenfclds Bemerkungen darüber mußich aber annehmen, daß diese Notiz mit der Lehnin 'schenWeissagung gar nichts zu thun hat. Meine Annahmegeht dahin, daß Oelven sich hier nur auf die vielleichtauf Mclanchthons Freund, Canon, zurückgehende Pro-phetic bezicht, die auch Lcutinger kannte, nach welcherein Brandenburgischer Kurfürst seine Hand nach demKaiserdiadem ausstrecken würde.
Recht unglücklich ist weiterhin die Stütze des Be-weises gewählt, daß bereits im Jahre 1599 im KlosterBenediktbeuern eine Travestie unserer Prophetie verfaßtsei. Die Angaben hierüber entbehren jeder Zuverlässig-keit und haben schon deßhalb keine Beweiskraft. DieStütze bricht aber in sich selbst zusammen, wenn manbedenkt, daß die Travestie sich auf Ereignisse um dieWende dieses Jahrhunderts bezieht; also auch dieseTravestie vom Jahre 1599 müßte demnach von Gottiuspirirt sein! Daß es im 13. und 14. Jahrhundertin Lehnin Mönche des Namens Hermann gab, steht fest,aber der von Meinhold als muthmaßlicher Verfasser an-geführte Mönch hat urkundlich nachweisbar nicht Her-mann, sondern Heinrich geheißen. Die noch verbleiben-den allzu windigen weiteren Argumente für die Echtheithat mein die Echtheit vertheidigender Vorgänger in diesenBlättern (Beil. 1895 Nr. 40 sf.) bereits zurückgewiesen,auf dessen sachliche Ausführungen hier verwiesen seinmöge; nur eines möchte ich noch hier berühren. Wennder Jencnser Katalog der Lchniner Bibliothek auch einnproZuostiooli tuturi 86Luü" anmerkt, so beweist dasnichts für die „Echtheit". Einmal wäre es geradezuauffällig, wenn eine Bibliothek eines Cistercicnserklostersnicht derartige Verheißungen enthalten hätte; denn ge-rade dieser Orden hat diese apokryphe Literatur überausgepflegt und verbleitet, nyd jeder Kenner der Mittel»