Philosophische Aufsatze von Karl Wilhelm Jerusalem :herausgegeben von Gotthold Ephraim Lessing .1 7 7 6.
cr Verfasser dicscr Aufsätze war der einzige Sohn des wür-digen Mannes, den alle, welchen die Religion eine Angelegen-heit ist, so verehre» und lieben. Seine Laufbahn war kurz;sei» Lauf schnell. Doch lange leben, ist nicht viel leben. Undwenn viel denken allein, viel leben ist: so war seiner Jahrenur für uns zu wenig.
Den Verlust eines solchen Sobncs, kann jeder Vater füh-len. Aber ibm nicht unterliegen, kann nur ein solcher Vater.
Der junge Mann, als cr hier in Wolfcnbüttcl sein bürger-liches Leben antrat, schenkte mir seine Frcnndsckaft. Ich genoßsie nicht viel über Iabr und Tag; aber gleichwohl wüßte ichnicht, daß ich einen Mcnscbcn in Jahr und Tag lieber gewon-nen hätte, als ibn. Und dazu lernte ich ihn eigentlich nur vonEiner Seite kennen.
Allerdings zwar war das gleich diejenige Seite, von der sich,meines BcdünkenS, so viel auf alle übrige schlicssen läßt. Eswar die Neigung, das Talent, mit der sich alle gute Neigun-gen so wohl vertragen, welches kein einziges Talent ausschließt;nur daß man bey ihm so viele andere Talente lieber nicht ha-ben mag, nnd wenn man sie hat, vernachlässiget.
Es war die Neigung zu deutlicher Erkenntniß; das Talent,die Wahrheit bis in ihre letzte Schlupswiickel zu verfolgen. Eswar der (^icist der kalten Vctracbtmig. Aber ein warmer (>icist,und so viel schätzbarer; der sich nicht abschrecken ließ, wenn ihmdie Wahrheit auf seinen Verfolgungen öfters entwischte; nichtL>,'ss,»l,s Werke X. 1