Zweytes Gespräch,
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besten Staatsverfassung leben: würden deßwegen alle Menschenin der Welt, nur cincn Staat ausmachen?
Ernst.
Wohl schwerlich. Ein so ungeheurer Staat würde keinerVerwaltung sähig seyn. Er müßte sich also in mehrere kleineStaaten vertheilen, die alle nach den nehmlichen Gesetzen ver-waltet würden.
Falk.
Das ist: die Menschen würden auch dann noch Deutscheund Franzosen, Holländer und Spanier, Russen und Schweden seyn; oder wie sie sonst hcissen würden.
Ernst.
Ganz gewiß!
Falk.
Nun da haben wir ja schon Eines. Denn nicht wahr, je-der dieser kleinern Staaten hätte sein eignes Interesse? und jedesGlied derselben hätte das Interesse seines Staats?
Ern st.
Wie anders?
Falk.
Diese verschiedene Interesse würden öfters in Eollision kom-men, so wie itzt: und zwey Glieder aus zwey verschiedenenStaaten würden einander eben so wenig mit unbcfangciicm Ge-müth begegnen können, als itzt ein Deutscher einem Franzosen,ein Franzose einem Engländer begegnet.
Ernst.
Sehr wahrscheinlich!
Falk.
Das ist: wenn itzt ein Deutscher einem Franzosen, ein Fran-zose einem Engländer, oder umgekehrt, begegnet, so begegnetnicht mehr ein blosser Mensch einem blossen Menschen, dievermöge ihrer gleichen Natur gegen einander angezogen werden,sondern ein solcher Mensch begegnet einem solchen Menschen,die ihrer vcrschicdnc» Tendenz sich bewußt sind, welches sie ge-gen einander kalt, zurückhaltend, mißtrauisch macht, noch ehesie für ihre einzelne Person das geringste mit einander zu schaffenund zn theilen haben.