Ueber die Fabel» ans d. Zeiten d. Minncs. 2te Entdeckung. 345
Wenigstens, durchgängig verständlich; und es würde bloßerEckcl seyn, wenn man dem ungeachtet den alten treuherzigenErzähler nicht anhören wollte, falls ihm etwa jemand von An-fang bis zu Ende diesen Dienst zu leisten, bedacht wäre, zuwelchem sich ohne Zweifel nur in unserer Bibliothek der nöthigeVorrath finden durfte. — Freylich will und kann ich nicht be-haupten, daß eine solche Behandlung verschicducr Handschriftenmit der strengen Wahrheit übereinkomme; weil Zeiten undMundarten dadurch verbunden werden, die vielleicht sehr weitverschieden sind. Auch wollte ich sie zu Dingen nicht anrathen,bey welchen es aus historische Gewißheit ankömmt, weil durchdergleichen Vermischung das ganze Monument verdächtig werdenkönnte. Nur bey alten Dichtern, meine ich, könnte sie garwohl gebraucht werden, die man bloß zum Vergnügen ließt,ohne eben daraus auch nur die Geschichte der Sprache studierenzu wollen.-Doch dieses bringt mich hier zu weit von mei-nem Wege, und ich erkläre mich andcrwcits darüber genauer. —Unsere zweyte Handschrift selbst, aus welcher wir schon dieProbe gesehen, verdient in allem Betracht die erste zu hcisscn.Es ist eben die, aus welcher ich gleichfalls schon den Epilogmitgetheilet, der uns den wahren Namen des Dichters angiebt.Sie ist ein ziemlich großer und starker papicrncr Foliant, deraber häuffig mit pcrgamcnen Blättern untermengt ist, wie mandas bey deutschen Handschriften des 14tcn und 15ten Jahrhun-derts nicht selten findet. Aus den Grenzen dieser beiden Jahr-hunderte mag sie denn auch wohl seyn: und wer weiß, obnoch? Denn die Hand ist würklich leserlicher und zierlicher, alsdie Hand der ersten Handschrift, die nach Gottscheds Angabc,wie wir gesehen, von 1402 seyn soll ("). Die Schrift, verstehtsich, ist Kanzclcy, und kömmt der Schrift in nnscrn ältestendeutsche» Drucken sehr nahe. Es ist also auch nicht eigentlichdas Alter, welches ihren Vorzug ausmacht: sondern die Voll-ständigkeit nnd der Reichthum an bessern Lesarten. Zwar ent-hält sie auch nicht alle hunOerr Fabeln, aus welchen das Werkbestanden; sondern nur sechs und neunzig, und hatte Anfangs
(°) Denn ich nwchlc »ichl daraus wcttcn, das; er richtig gelesen, wer-über der Augenschein das nähere belehret.