Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
Seite
6
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k ' Schrifftcn. Trittcr Theil.

lern seines gleichen anbinden. Sie sind das Pasquillmachcngewohnt, so daß es ihnen weit leichter wird, eine Verleumdungans der Luft zu fangen, als eine Regel aus dem Donat anzu-führen. Wer aber will denn gern verleumdet seyn?

Die Gabe sich widersprechen zu lassen, ist wohl überhaupteine Gabe, die unter den Gelehrten nur die Todten haben.Nun will ich sie eben nicht für so wichtig ausgeben, daß man,um sie zu besitzen, gestorben zu seyn wünschen sollte: denn umdiesen Preis sind vielleicht auch größrc Vollkommenheiten zutheuer. Ich will nur sagen, daß es sehr gut seyn würde, wannauch noch lebende Gelehrte, immer im voraus, ein wenig todtzu seyn lernen wollten. Endlich müssen sie doch eine Nachweltzurücklassen, die alles Zufällige von ihrem Ruhme absondert,und die keine Ehrerbietigkeit zurückhalten wird über ihre Fehlerzu lachen. Warum wollen sie also nicht schon itzt diese Nach-welt ertragen lernen, die sich hier und da in einem ankündiget,dem es gleichviel ist, ob sie ihn für neidisch oder für ungesit-tet halten?

Ungerecht wird die Nachwelt nie seyn. Anfangs zwar pflanztsie Lob und Tadel fort, wie sie es bekömmt; nach und nachaber bringt sie beydes auf ihren rechten Punkt. Bey Lebzeiten,lind ein halb Jahrhundert nach dem Tode, für einen grossenGeist gehalten werden, ist ein schlechter Beweis, daß man esist; durch alle Zahrhundcrte aber hindurch dafür gehalten wer-den, ist ein unwidersprcchlicher. Eben das gilt bey dem Gegen-theile. Ein Schriftsteller wird von seinen Zeitgenossen und vondieser ihren Enkeln nicht gelesen; ein Unglück, aber kein Beweiswider seine Güte; nur wann auch der Enkel Enkel nie Lust be-kommen, ihn zu lesen, alsdann ist es gewiß, daß er es nieverdient hat, gelesen zu werden.

Auch Tugenden und Laster wird die Nachwelt nicht ewigverkennen. Ich begreife es sehr wohl, daß jene eine Zeitlangbcschmitzt und diese aufgeputzt seyn können; daß sie es aber im-mer bleiben sollten, läßt mich die Weisheit nicht glauben, dieden Zusammenhang aller Dinge geordnet hat, und von der ichauch in dem, was von dem Eigensinne der Sterblichen abhangt,anbethenswürdigc Spnrcn finde.