10 Schrifftcn. dritter Theil.
In eben dieser Lebensbeschreibung sagt Sueton : es gehen unterdem Namen des Horaz Elegien und ein prosaischer Brief herum;allein beyde halte ich für falsch. Die Elegien sind gemein, undder Brief ist dunkel, welches doch sein Fehler ganz und garnicht war. — — Das ist artig! Warum widerspricht dennSueton der Tradition hier, und oben bey dem Spiegclzimmernicht? Hat cs mehr auf sich den Geist eines Schriftstellerszu retten, als seine Sitten? Welches schimpft denn mehr? Nacheiner Menge der vollkommensten Gedichte, einige kalte Elegienund einen dunkeln Brief schreiben; oder bey aller Feinheit des
Geschmacks ein unmäßiger Wollüstling seyn?--Unmöglich
kann ich mir einbilden, daß ein vernünftiger Geschichtschreiber,auf eben derselben Seite, in eben derselben Sache, nehmlich inMeldung der Nachreden, welchen sein Held ausgesetzt worden,gleich unvorsichtig, als behutsam seyn könne.
Nicht genug! Ich muß weiter gehen, und den Leser bitten,die angeführte Stelle noch einmal zu betrachten; ack res vene-roas Iiitempei'Äntlor tl'Sllitur. ^ism Hieeulato culueulo Ilcorta cli-eitur Iisliuil'te tühioKts, ut «juoeunljuv rehi exilier, ilii ei imsZoooitus rslerretur.
Zc mehr ich diese Worte ansehe, je mehr verlieren sie inmeinen Augen von ihrer Glaubwürdigkeit. Ich finde sie abge-schmackt; ich finde sie unrömisch; ich finde, daß sie andern Stel-len in dieser Lebensbeschreibung offenbar widersprechen.
Ich finde sie abgeschmackt. Man höre doch nur, ob derGeschichtschreiber kann gewußt haben, was er will? -Horarz sollin den venerischen LLrgöizungen unmäßig gewesen seyn; denn
man sagt--Auf die Ursache wohl Achtung gegeben! Man
sagt —Ohne Zweifel, daß er als ein wahrer Gartcngott, ohneWahl, ohne Geschmack auf alles, was weiblichen Geschlechtsgewesen, losgcstürmct sey? Nein! — Man sagt, er habe seineZönhlerinnen in einem Spiegelzimmer genossen, nm auf al-len Seiren, rvo er hingesehen, die wollüstige Abbildungseines Glucks anzutreffen — Weiter nichts? Wo steckt denndie Unmäßigkcit? Ich sehe, die Wahrheit dieses Umstandcs vor-ausgesetzt, nichts darum, als ein Bestrebe», sich die Wollust soreißend zu machen, als möglich. Der Dichter war also keiner