Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
Seite
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Rettungen des Horaz .

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ein Stoiker zu scheinen; und nicht viel Rührendes von der Wol-lust, ohne das Ansehen eines Epikurs zu bekommen.

Der Odcndichtcr besonders pflegt zwar fast immer in derersten Person zu reden, aber nur selten ist das ich sein eigenich. Er muß sich dann und wann in fremde Umstände setzen,oder setzt sich mit Willen hinein, um seinen Witz auch ausserder Sphäre seiner Empfindungen zu üben. Man soll den Rousseaueinsmals gefragt haben, wie es möglich sey, daß er eben sowohldie unzüchtigen Sinnschriftcn, als die göttlichsten Psalmc ma-chen könne? Rousseau soll geantwortet haben: er verfertige jeneeben sowohl ohne Ruchlosigkeit, als diese ohne Andacht. SeineAntwort ist vielleicht zu aufrichtig gewesen, obgleich dem Genieeines Dichters vollkommen gemäß.

Wird also nicht schon diese einzige Anmerkung hinlänglichseyn, alles was man von der Philosophie des Horaz weis, zuwicdcrlcgcn? Und was weis man denn endlich davon? Dieses,daß er in seinem Alter, als er ein ernsthaftes Geschäfte ausderselben zu machen anfing, auf keines Wcltwciscn Worte schwur,sondern das Beste nahm wo er es fand; überall aber diejenigenSpitzfindigkeiten, welche keinen Einfluß auf die Sitten haben,unbcrührct ließ. So mahlt er sich in dem ersten Briefe seinesersten Buchs, an einem Orte, wo er sich ausdrücklich mahlenwill. Alles, was man ausser diesen Zügen hinzusetzet, sind dieungcgründcstcn Folgerungen, die man aus dieser oder jenerOde, ohne Geschmack, gezogen hat.

Wir wollen ein Exempel davon an der bekannten Ode par-eus veorum eultor Ae. welches die vier und dreißigste des er-sten Buchs ist, sehen. Es ist unbeschreiblich, was man für wun-derbare Auslegungen davon gemacht hat. Ich glaube diese Ma-terie nicht besser schließen zu können, als wenn ich meine Ge-danken darüber mittheile, die ich dem Urtheile derjenigen überlassenwill, welche Gelehrsamkeit und Gcschmak verbinden. Hier istdie Ode, und zugleich eine Übersetzung in einer so viel alsmöglich poetischen Prose. Ich glaube dieses wird besser seyn,als wenn die Poesie so viel als möglich prosaisch wäre.

Lessmgs Werke iv. z