Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
Seite
139
Einzelbild herunterladen
 

Abhandlung für das rührende Lustspiel. 139

strahlt, welche auf so verschiedene Weise ausgedrückt werden, daß mansie schwerlich für einerley hallen kann; ja wie so gar die Gewalt, diesie über die Gemüther der Menschen hat, von ganz vcrschiedner Artist, so daß, wenn der eine mit zerstreuten Haaren, mit verwirrterStirn, und verzweifelnden Augen hcrumirret, der andere das Haarzierlich in Locken schlägt, und mit lächelnd trauriger Mine und an-genehm unruhigen Augen seinen Kummer verräth: eben so, sage ich,ist die Liebe, welche in beyden Spielen gebraucht wird, ganz undgar nicht von einerley Art und kann also auch nicht auf einerley,oder auch nur auf ähnliche Art rühren. Ja eS fehlt so viel, daßdie Komödie in diesem Stücke die Rechte der Tragödie zu schmälernscheinen sollte, daß sie vielmehr nichts als ihr Recht zu behaup-ten sucht. Denn ob ich schon denjenigen nicht beystimme, welche,durch das Ansehen einiger alten Tragödienschrcibcr bewogen, die Liebegänzlich aus der tragischen Fabel verbannen wollen; so ist doch so vielgewiß, daß nicht jede Liebe, besonders die zärtlichere, sich für sie schickt,und daß auch diejenige, die sich für sie schickt, nicht darinne herrscheudarf, weil es nicht erlaubt ist, die Liebe einzig und allein zu demJnnhalte eines Trauerspiels zu machen. Sie kann zwar jenen hefti-gern Gemüthsbewegungen, welche der Tragödie Hoheit, Glanz undBewunderung ertheilen, gelegentlich beygefügt werden, damit sie diesel-ben bald heftiger antreibe, bald zurückhalte, nicht aber, damit sie selbstdas Hauptwerk der Handlung ausmache. Dieses Gesetz, welches mander Tragödie vorgeschrieben hat, und welches aus der Natur einer he-roischen That hergchohlct ist, zeiget deutlich genug, daß es allein derKomödie zukomme, aus der Liebe ihre Haupthaudlung zn machen. Al-les dcrohalbcn, was die Liebe, ihren schrecklichen und traurigen Theilbey Seite gesetzt, im Rührenden vermag, kann sich die Komödie mitallen Recht anmaassen. Der vorlrefliche Torneille erinnert sehr wohl,daß dasjenige Stück, in welchem allein die Liebe herrschet, wann esauch schon in den vornehmsten Personen wäre, keine Tragödie, sondern,seiner natürlichen Kraft nach, eine Komödie sey." Wie viel wenigerkann daher dasjenige Stück, in welchem nur die heftige Liebe einigerPrivatpersonen aufgeführet wird, das Wesen des Trauerspiels angenom-men zu haben scheinen? DaS, was ich aber von der Liebe, und von

° S. die erste Abhandlung des P. Corneille über das dramatischeGedicht.