Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
Seite
148
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148 Theatralische Bibliothek.

würdigste Mensch findet, gleichsam wider Willen, an der Betrachtungeiner vortreflichcn Gemüthsart, Vergnügen, ob er sie gleich weder selbstbesitzt, noch sie zu besitzen, sich einige Mühe giebt. Diejenigen also,aus welchen eine große und zugleich gesellschaftliche Tugend hervor-leuchtet, Pflegen uns, so wie im gemeinen Leben, also auch auf derBühne werth und angenehm zu seyn. Doch dieses würde nur sehrwenig bedeuten wollen, wenn nicht noch andre Dinge dazu kämen.Die Tugend selbst gefällt auf der Bühne, wo sie vorgestellt wird, weitmehr als im gemeinen Leben. Denn da bey Betrachtung und Be-wundrmig eines rechtschafnen Mannes, auch oft zugleich der Neid sichmit einmische!, so bleibt er doch bey dem Anblicke des bloßen Bildesder Tugend weg, und anstatt des Neides wird in dem Gemüthe einesüße Empfindung des Stolzes und der Selbstliebe erweckt. Denn wennwir sehen, zu was für einem Grade der Vortrcflichkcit die menschlicheNatur erhoben werden könne, so dünken wir uns selbst etwas grosseszu seyn. Wir gefallen i»is also in jenen erdichteten Personen selbst,und die auf die Bühne gebrachte Tugend fesselt uns desto mehr, jeleichter die Sitten sind, welche den guten Personen beygelegt werden,und je mehr ihre Güte selbst, welche iinnicr mäßig und sich immergleich bleibet, nicht so wohl die Frucht von Arbeit und Mühe, alsvielmehr ein Geschenke der Natur zu seyn scheint. Mit einem Worte,so wie wir bey den lächerlichen Personen der Bühne, uns selbst freuen,weil wir ihnen nicht ähnlich scheinen; eben so freuen wir uns überunsere eigne Vortreflichkeit, wenn wir gute Gemüthsarten betrachten,welches bey den heroischen Tugenden, die in der Tragödie vorkommen,sich seltner zu ereignen pflegt, weil sie von unsern gewöhnlichen Um-ständen allzuentfernt sind. Ich kann mir leicht einbilden, was manhicrwicdcr sagen wird. Man wird nehmlich einwerfen, weil die Er-dichtung alltäglicher Dinge weder Verlangen, noch Bewunderung er-wecken könne, so müßte nothwendig die Tugend auf der Bühne grösserund glänzender vorgestellet werde», als sie im gemeinen Leben vorkom-me; hieraus aber scheine zu folgen, daß dergleichen Sittenschilderun-gen, weil sie übertrieben worden, nicht sattsam gefallen könnten. Die-ses nun wäre freylich zn befürchte», wenn nicht die Kunst dazu käme,welche das, was i» einem Charakter Maaß und Ziel zu überschreitenscheinet, so geschickt einrichtet, daß das ungewöhnliche wenigstens wahr-scheinlich scheinet. Ein Schauspiel, welches einem Mägdchen von ge-