Abhandlung für das rührende Lustspiel. 147
jede Fabel, die der Wahrheit nachahmet, und Dinge enthält, welchedes Sehens und Hörens würdig sind, die Gemüther vergnügt: warn»,sollte man denn nicht anch dann und wann der Komödie einen ernst-haften, seiner Natur nach aber angenehmen Inhalt, geben dürfen?'„Auch alsdann empfinden wir eine wunderbare Wollust, wenn wir mit„einer von den Personen in der Komödie eine genane Freundschaft„errichten, fiir sie bekümmert sind, für sie uns ängstigen, mit ihr„Freund und Feind gemein haben, für sie stille Wünsche ergehen las-„sen, bey ihren Gefahren uns fürchten, bey ihrem Unglücke uns be-grüben, und bey ihrer entdeckten Unschuld und Tugend uns freuen."Es giebt viel Dinge, welche zwar nicht scherzhaft, aber doch deswegenauch nicht traurig sind. Ein Schauspiel, welches uns einen vorneh-men Mann, der ein gemeines Mägdchen hcyrathet, so vor die Augenstellet, daß man alles, was bey einer solchen Liebe abgeschmacktes undungereimtes seyn kann, genau bemerket, wird ergötzen. Doch laßt »nSdiese Fabel verändern. Laßt uns setzen, der Entschluß des vornehmenMannes sey nicht abgeschmackt, sondern vielmehr aus gewissen Ursa-chen löblich, oder doch wenigstens zu billigen; sollte wohl alsdanndie Seltenheit und Rühmlichkcit einer solchen Handlung weniger er-götzen, als dort die Schändlichkeit derselben? Der Herr von Voltaire hat eine Komödie dieses Inhalts, unter dem Titel Nanine, verferti-get, welche Beyfall anf der Bühne erhalten hat; und man kann anchnicht leugnen, daß man nicht noch mehr dergleichen Handlungen, wel-che Erstaune» erwecken, und dennoch nicht romanenhaft sind, erdenkenund auf das gemeine Leben anwenden könne, als welches von demGebrauche selbst gebilligct wird.
Wir müssen nns nunmehr zu den guten Charakteren selbst wenden,welche hauptsächlich in der Komödie, von welcher wir handeln, ange-bracht werden, und müssen untersuchen, auf was für Weise Vergnü-gen und Ergötzung daraus entspringen könne. Die Ursache hier-von ist ohne Zweifel in der Natur der Menschen und in der wun-derbaren Kraft der Tugend zu suchen. In unsrer Gewalt wenigstensist es nicht, ob wir das, was gut, rechtschaffen und löblich ist, billi-gen wollen oder nicht. Wir werden durch die natürliche Schönheitund den Reiz dieser Dinge dahin gerissen: und auch der allernichls-
° VVehrenfels am angeführten Orte.
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