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Theatralische Bibliothek,
trachtungen. Gleich das erste Hauptstuck untersucht, ob esroahr sey, daß es vortreflichcn Schauspielern an Mirze ge-fehlt habe? Man glaubt zwar fast durchgängig, daß man sichauch ohne Witz auf der Bühne Ruhm erwerben könne; alleinman irrt gewaltig. Kann ein Schauspieler wohl in seinerKunst vortrcflich seyn, wenn er nicht, in allen vcrschicdncn Stel-lungen mit einem geschwinden und sichern Blicke dasjenige, wasihm zu thun zukömmt, zu erkennen vermag? Eine feine Em-pfindung dessen, was sich schickt, muß ihn überall leiten. „Doch„nicht genug, daß er alle Schönheiten seiner Rolle faßt. Er„muß die wahre Art, mit welcher jede von diesen Schönheiten„auszudrücken ist, unterscheiden. Nicht genug, daß er sich bloß„in Affcct setzen kann; man verlangt auch, daß er es niemals„als zur rechten Zeit, und gleich in demjenigen Grade thue,„welchen die Umstände erfordern. Nicht genug, daß sich seine„Figur für das Theater schickt, daß sein Gesicht des Ausdrucks„fähig ist; wir sind unzufrieden, wenn sein Ausdruck nicht be-„ständig und genau mit den Bewegungen zusammen trist, die„er uns zeigen soll. Er muß nicht bloß von der Stärke und„Feinheit seiner Reden nichts lassen vcrlohrcn gehen; er muß„ihnen auch noch alle die Annehmlichkeiten leihen, die ihnen„Aussprache und Aktion geben können. Es ist nicht hinrei-ßend, daß er bloß seinem Verfasser treulich folgt; er muß ihm„nachhelfen; er muß ihn unterstützen. Er muß selbst Verfasser„werden; er muß nicht bloß alle Feinheiten seiner Rolle aus-drücken; er muß auch neue hinzuthun; er muß nicht bloß„ausführen, er muß selbst schaffen. Ein Blick, eine Bewegung„ist zuweilen in der Komödie ein sinnreicher Einfall, und in„der Tragödie eine Empfindung. Eine Wendung der Stimme,„ein Stillschweigen, die man mit Kunst angebracht, haben zu-teilen das Glück eines Verses gemacht, der nimmermehr die„Aufmerksamkeit würde an sich gezogen haben, wenn ihn ein„mittelmäßiger Schauspieler, oder eine gemeine Schauspielerin„ausgesprochen hätte. - - Der Witz ist ihnen also eben so un-umgänglich nöthig, als der Steuermann dem Schiffe. Einelange Erfahrung auf der Bühne kann zwar dann nnd wannden Mangel desselben verbergen, und ein Schauspieler ohne