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Theatralische Bibliothek.
„scn; wir bleiben gleichwohl in der vollkommensten Ruhe. Ein„andrer wird von der lebhaftesten Freude entzückt, wir aber lc-„gcn unsern Ernst deswegen nicht ab. Nur die Thränen, wenn„es auch schon Thränen einer Person sind, die uns gleichgültig„ist, haben fast immer das Vorrecht uns zu rühren. Da wir„uns zur Mühe und zum Leiden gcbohrcn wissen, so lesen wir„voll Traurigkeit unsere Bestimmung in dem Schicksale der Un-glücklichen, und ihre Zufälle sind für uns ein Spiegel, in„welchem wir mit Verdruß das mit unserm Stande verknüpfte„Elend betrachten. - - Dieses bringt den Verfasser auf eine kleineAusschweifung, welche viel zu artig ist, als daß ich sie hierübergehen sollte. - - „Es ist nicht schwer, spricht er, von unsrer„Leichtigkeit uns zu betrüben einen Grund anzugeben. Allein„desto schwerer ist es die Natur desjenigen Vergnügens eigent-lich zu bestimmen, welches wir, bey Anhörung einer Tragödie,„aus dieser Empfindung ziehen. Daß man in der Absicht vor„die Bühne geht, diejenigen Eindrücke, welche uns fehlen, da-selbst zu borgen, oder uns von denjenigen, die uns mißfallen,„zu zerstreuen, darüber wundert man sich gar nicht. Das aber,„worüber man erstaunt, ist dieses, daß wir oft durch die Be-gierde Thränen zu vergießen dahin geführt werden. Unterdes-sen kann man doch von dieser wunderlichen Neigung vcrschicdne„Ursachen angeben, und die Schwierigkeit dabey ist bloß, die„allgemeinste davon zu bestimmen. Wenn ich gesagt habe, daß„das Unglück andrer ein Spiegel für uns sey, in welchem wir„das Schicksal, zu dem wir vcrurthcilct sind, betrachten, so„hätte ich einen Unterscheid dabey machen können. Dieser Un-terschied kann hier seine Stelle finden, und er wird uns eine„von den Quellen desjenigen Vergnügens, dessen Ursprung wir„suchen, entdecken. Der Anblick eines fremden Elends ist für„uns schmerzlich, wenn es nehmlich ein solches Elend ist, dem„wir gleichfalls ausgesetzt sind. Er wird aber zu einer Tröstung,„wenn wir das Elend nicht zu fürchten haben, dessen Abschil-„dcrung er uns vorlegt. Wir bekommen eine Ar/ von Erleich-terung, wenn wir sehen, daß man in demjenigen Stande,„welchen wir beneiden, oft grausamen Martern ausgesetzt sey,„für die uns unsre Mittelmäßigkeit in Sicherheit stellet. Wir