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Theatralische Bibliothek.
allein, rvelcke gebohren sind zu lieben, das Vorrreckt habensollten, verliebte Rotten zu spielen. „Eine gewisse Sängerin,„crzchlt der Verfasser, stellte in einer neuen Oper eine Prinzc-„ßin vor, die gegen ihren Ungetreuen in einem heftigen Feuer„ist; allein sie brachte diejenige Zärtlichkeit, welche ihre Rolle„erforderte, gar nicht hinein. Eine von ihren Gcscllschastcrin-„ncn, die der Ursachen ungeachtet, warum zwey Personen von„einerley Profcßion und von einerley Geschlecht einander nicht„zu lieben pflegen, ihre Freundin war, hätte gar zu gerne gc-„wollt, daß sie diese Rolle mit Beyfall spielen möchte. Sie„gab ihr daher verschiedene Lehren, aber diese Lehren blieben„ohne Wirkung. Endlich sagte die Lehrerin einmal zu ihrer„Schülerin: Ist denn das, rvgs ick von ihnen verlange,„so schrver? Seyen sie sick Sock an die Grelle der verra-thenen Geliebte! U)enn sie von einem Menschen, den sie„zärtlich liebten, verlassen rvürden, würden sie nickt von„einem lebhaften Schmerze durchdrungen seyn? Mürden
„sie nickt suchen--Ick? antwortete die Actricc, an die
„dieses gerichtet war; ick rvürde auf das schleunigste, einen„andern Liebhaber zu bekommen suchen. Ja, rvenn das„ist, antwortete ihre Freundin, so ist ihre und meine Mühe„vergebens. Ick rvcrde sie ihre Rolle nimmermehr gehörig„spielen lehren. Diese Folge war sehr richtig; denn eine wahreZärtlichkeit auszudrücken, dazu ist alle Kunst nicht hinlänglich.Man mag sich auch noch so sehr bestreben, das unschuldige undrührende Wesen derselben zu erreichen; es wird doch noch im-mer von der Natur eben so weit unterschieden seyn, als es diefrostigen Liebkosungen einer Buhlcrinn, von den affcktvollcn Bli-cken einer aufrichtigen Liebhaberin sind. Man stellt alle übrigeLeidenschaften unvollkommen vor, wenn man sich ihren Bewe-gungen nicht überläßt, aber wenigstens stellt mau sie doch un-vollkommen vor. Man ahmet mit kaltem Blute den Ton einesZornigen schlecht nach, allein man kann doch wenigstens einigevon den andern äusscrlichcn Zeichen, durch welche er sich anden Tag legt, entlehnen; und wenn man in verschiedenen Rol-len schon nicht die Ohren bctricgt, so betricgt man doch wenig-stens die Augen. Zn den zärtlichen Rollen aber kann man eben