Auszug aus dem Schauspieler. 189
so wenig die Augen, als die Ohren bctricgcn, wenn man nicht
von der Natur eine zur Liebe gemachte Seele bekommen hat.--
„Will man, fährt der Verfasser fort, die Ursache wissen, warum„man zwar die Larve der andern Leidenschaften borgen, die„Entzückungen der Zärtlichkeit aber nur auf eine sehr ungetreue„Art nachbilden kann, wenn man nicht selbst liebt, oder wohl„gar zu lieben nicht fähig ist, so will ich es wagen eine Ver-muthung hierüber vorzutragen. Die übrigen Leidenschaften„mahlen sich blos dadurch auf dem Gesichte, daß sie in den„Zügen eine gewisse Art von Veränderung verursachen; die„Zärtlichkeit hingegen hat, so wie die Freude, das Vorrecht,„der Gcsichtsbildung neue Schönheiten zu geben und ihre Fch-„lcr zu verbessern. Daher also, daß man uns von gewissen„Leidenschaften ein unvollkommenes Bild vorstellen kann, ohne„von ihnen selbst beherrscht zu werden, solgt noch nicht, daß„man auch die sanfte Drunkcnhcit der Liebe auch nur unvoll-kommen nachahmen könne, ohne sie selbst zu sühlcn. — —Aus allem diesen zieht der Verfasser in dem fünften -Hauptstückedie Folgerung, daß man sich nicht mehr mit diesen Rollen ab-geben müsse, wenn man nicht mehr in dem glücklichen Alterzu lieben sey. Die Wahrheit dieser Folgerung fällt zu deutlichin die Augen, als daß es nöthig wär, seine Gründe anzufüh-ren, die ohnedem auf das vorige hinaus lauffcn. — — Wirkommen vielmehr sogleich auf den zweien Abschnitt dieses zwey-ten Buchs, worinn, wie schon gesagt, die äusscrlichcn Gabenabgehandelt werden, welche zu gewissen Rollen insbesondere nö-thig sind. Es geschieht dieses in vier Hauptstückcn, wovon daserste die Stimme angeht, und zeiget, Saß eine Stimme, rvclchein gewissen Rollen hinlänglich ist, in andern Rollen, rvelcheuns einnehmen sollen, es nicht sey. Bey komischen Schauspie-lern ist es fast genug, wenn wir ihnen nur alles, was sie sa-gen sollen, hinlänglich verstehen können, und wir können ihneneine mittelmäßige Stimme gar gern übersehen. Der tragischeSchauspieler hingegen muß eine starke, majestätische und pathe-tische Stimme haben; der, welcher in der Komödie Personenvon Stande vorstellt, eine edle; der, welcher den Liebhabermacht, eine angenehme, und die, welche die Liebhaberin spielt,