Auszug aus dem Schauspieler.
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Schauspieler muß sich hierinne nach dem Verfasser richten, undmuß uns das letzte nicht eher sehen lassen, als bis wir ebendarauf kommen sollen. Allein, wie wir das, was uns vorbehal-ten wird, nicht gern errathen mögen, so mögen wir auch ebenso wenig uns gern bekriegen lassen. Es ist uns lieb, wenn wirdas zu sehen bekommen, was wir nicht erwarteten, allein miß-vergnügt sind wir, wenn man uns etwas anders hat erwartenlassen, als das, was wir sehen. Dieses erläutert der Verfasserdurch eine Stelle aus der Phadra , wo diese den Hippolyt zu ei-ner Liebeserklärung vorbereitet. Das stuffcnweisc Steigen bestehtdarinnc, daß sich die heftige Bewegung immer nach und nachentwickle, welches eben so nothwendig als die Vorbereitung ist,weil jeder Eindruck, welcher nicht zunimmt, nothwendig abnimmt.Die fernere Folge der angeführten Stelle aus der Phädra mußauch dieses erläutern. — — Was aber die Verbindung vcr-schiedncr Bewegungen, besonders diejenigen, die einander ver-nichten, anbelangt, so wird die Stelle aus der Zaire zum Mu-ster angeführt, wo Grosman bald Wuth, bald Liebe, und baldVerachtung gegen den unschuldigen Gegenstand seines Verdachtsäusscrt. Ich müßte sie ganz hersetzen, wenn ich mehr davonanführen wollte.
Ein Schauspieler kann die meisten der nur gedachten Bedin-gungen beobachten, und dennoch nicht natürlich spielen. Der Ver-fasser untersucht also in dem eilfrei! -Hauptstücke, rvorinne dasnatürliche Spiel bestehe, und ob es auf dem Theater allezeitnöthig sey. Wenn man unter dem natürlichen Spiele dasjenigemeint, welches nicht gezwungen und mühsam läßt, so ist es wohlgewiß, daß es überhaupt alle Schauspieler haben müssen. Ver-steht man aber eine durchaus genaue Nachahmung der gemeinenNatur darunter, so kann man kühnlich behaupten, daß der Schau-spieler unschmackhaft werden würde, wenn er beständig natürlichspielen wollte. Der komische Schauspieler darf nicht nur, son-dern muß auch dann und wann seine Rolle übertreiben. Alleinman merke wohl, daß unter diesem Uebertreiben nicht die Hef-tigkeit der Deklamation eines tragischen Actcurs begriffen ist,und daß man sie nur dem komischen Actcur erlaubet, um et-was lächerliches desto stärker in die Augen fallen zu lassen.