Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
Seite
263
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Äon den Trauerspielen des Seiieca.

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ohne sie zu übertreffen. Doch durch welche Abschculigkcit wcrdcich ihm überlegen seyn können? Auch in seinem Elende ruheter nicht. Das Unglück macht ihn eben so hartnäckig, als übcr-müthig ihn das Glück macht. Ich kenne seinen nngclchrigcnGeist. Biegen läßt er sich nicht, aber brechen läßt cr sich. Eheer sich also wieder crhohlt, ehe cr neue Kräfte sammelt, mußich ihn angreifen: denn bleib ich ruhig, so greift cr mich an.Ich komme durch ihn um, odcr er muß durch mich umkom-men. Das Bcrbrcchcn ist mitten zwischen uns, gleich cincmPreise, aufgestellt, welcher dem gehört, der es zuerst untcrnimt.

Der Vertraute- So kann dich das widrige Urtheil des Volksnicht schrecken?

Atreus. Das ist eben das beste an einem Rcichc, daß dasVolk die Thaten seines Beherrschers eben sowohl dulden alsloben muß.

Der vertraute. Die, welche man aus Furcht loben muß,eben die haßt man auch aus Furcht. Der aber, welcher nachdem Ruhme einer wahren Liebe strebt, will sich lieber von denHerzen, als von den Stimmen loben lassen.

Atreus. Ein wahres Lob kann auch oft cincm geringenManne zu Theile werden; aber cin falsches nur dem Mächtigen.Die Unterthanen müssen wohl wollen, was sie nicht wollen.

Der vertraute. Wenn der König, was recht ist, will, sowird sein Wille gern aller Wille seyn.

Atreus. Derjenige König ist nur halb König, welcher nurdas, was recht ist, wollen darf.

Der Vertraute. Wo weder Scham, noch Liebe zum Recht,weder Frömmigkeit noch Treue und Glaube ist, da ruhet dasReich auf schwachem Grunde.

Atreus. Schani, Liebe zum Recht, Frömmigkeit, Treu undGlaube sind kleine Tugenden für Bürger. Ein König thue,was ihm nützt.

Der vertraute. Auch cincm böscn Brudcr zu schaden, mußtdu für Unrecht halten.

Atreus. AllcS ist gcgcn ihn billig, was gcgcn cincn Bru-dcr unbillig ist. Denn wclchcr Bcrbrcchcn hat cr sich enthalten?Bon wclchcr Schandthat ist cr abgestanden? Durch Schändung