Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
Seite
269
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Von den Trauerspielen des Seneca .

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Hier kommt Arreus darzu und macht durch seine Erscheinungdie zweyte Scene dieses Auszuges. Zn den ersten Zeilen, welcheer in der Entfernung vor sich sagt, srcut er sich, daß er seinenBruder nunmehr im Netze habe; und zwar ganz, mit allen sei-nen drey Söhnen. Der zweyte dieser Söhne hieß Tamalus,wie wir weiter unten hören werden; der Name des drittenaber kömmt in dem Stücke nicht vor.Kaum, sagt Atrcus,daß ich mich mäßigen, und die ausbrcchcudc Wuth zurückehalten kann. So wie ein Spicrhund, der an dem langenLcitbande das Wild ausspielt, und mit gebückter Schnautzedie Wege bcschnaubcrt. So lange er noch durch den schwa-chcn Geruch sich weit von dem Eber merkt, ist er folgsam,und durchirret schweigend die Spur. Doch kaum fühlt er sichder Beute näher, so stemmt er sich, kämpfet mit dem unbän-digen Nacken, und ruft winselnd seinen säumende» Führer,bis er sich ihm entreißt. Wenn der Zorn Blut wittert, wer

kann ihn verbergen? Und doch muß ich ihn verbergen.--

Zn dem Munde des Dichters würde dieses Glcichniß sehr schönseyn, aber in dem Munde der Person selbst, welche diese schwerzu zähmende Wuth fühlet, ist es ohne Zweifel zu gesucht undzu unnatürlich. Zc näher Atrcus seinem Bruder kömmt;desto mehr verändert er seine Rede. Jetzt, da er ungefehr vonihm gehört werden kann, beklagt er ihn schon, und erstauntüber seinen armseligen Auszug.Ich will mein Wort halten,fährt er fort. Und wo ist er denn, mein Bruder?Hier geht er endlich auf ihn los:Umarme mich, sehnlichst ge-wünschtcr Bruder! Aller Zorn sey nunmehr zwischen uns vor-bey. An diesem Tage fcyrc man den Sieg des Bluts undder Liebe. Weg mit allem Hasse aus unsern Gemüthern.

Thyest. Ach, Alreus, ich könnte alles rechtfertigen, wenndu dich jczt nicht so erzeigtest! Za, Bruder, ich gestehe es; ichgestehe es, ich habe alles verbrochen, dessen du mich schuldiggehalten. Deine heutige Liebe macht meine Sache zur schlimm-sten Sache. Der muß ganz schuldig seyn, den ein so guterBruder hat für schuldig halten können. Zu den Thränen mußich nunmehr meine Zuflucht nehmen. Siehe mich hier zu dei-nen Füssen! Laß diese Hände, die noch keines Knie umfaßt