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Welt in kleinen sehen kan. Ich lebte die ersten Monate so eingezo-gen, als ich in Meisen nicht gelebt hatte. Stets bey den Büchern,nur mit mir selbst bcschäfftigt, dachte ich eben so selten an die übrigenMenschen, als vielleicht an Gott . Dieses Geständnis; kömmt mir et-was sauer an, und mein einziger Trost dabey ist, daß mich nichtsschlimmerS als der Fleiß so närrisch machte. Doch cS dauerte nichtlange, so gingen mir die Augen auf: Soll ich sagen, zu meinemGlücke, oder zu meinem Unglücke? die künfftige Zeit wird eS entschei-den. Ich lernte einsehen, die Bücher würden mich wohl gelehrt, abernimmermehr zu einem Menschen machen. Ich wagte mich von meinerStube unter meines gleichen. Guter Gott! waS vor eine Ungleichheitwurde ich zwischen mir und andern gewahr. Eine baucrsche Schich-tcrnhcit, ein verwilderter und ungebauter Körper, eine gäntzliche Un-wiszenheit in Sitten und Umgange, verhaßte Minen, auS welchen je-derman seine Verachtung zu lesen glaubte, das waren die guten Eigen-schafften, die mir, bey meiner eignen Beurtheilung, übrig blieben. Ichempfand «ine Schahm, die ich niemals empfunden hatte. Und dieWürkung derselben war der feste Entschluß, mich hierinne zu beßern,es koste was es wolle. Sie wißen selbst wie ich es anfing. Ich lerntetanzen, fechten, voltigiren. Ich will in diesem Briefe meine Fehleraufrichtig bekennen, ich kan auch also das gute von mir sagen. Ichkam in diesen Uebungen so weit, daß mich diejenigen selbst, die mir invoraus alle Geschicklichkeit darinnen absprechen wollten, einigermaßenbewunderten. Dieser gute Anfang ermunterte mich hefftig. Mein Kör-per war ein wenig geschickter worden, und ich suchte Gcscllschafft, umnun auch leben zu lernen. Ich legte die ernsthafften Bücher eine Zeit-lang auf die Seite, um mich in denjenigen umzuschn die weit ange-nehmer, und vielleicht eben so nützlich find. Die Comoedien kamenmir zur erst in die Hand. Es mag unglaublich vorkommen, wem eswill, mir haben fic sehr große Dienste gethan. Ich lernte daraus eineartige und gezwungne, eine grobe und natürliche Aufführung unter-scheiden. Ich lernte wahre und falsche Tugenden daraus kennen, unddie Laster eben so sehr wegen ihres lacherlichen als wegen ihrer Schänd-lichkeit fliehen. Habe ich aber alles dieses nur in eine schwache Aus-übung gebracht, so hat cS gewiß mehr an andern Umständen als anmeinem Willen gefehlt. Doch bald hätte ich den vornehmsten Nutzenden die Lustspiele bey mir gehabt haben, vergeßcn. Ich lernte michselbst kennen, und seit der Zeit habe ich gewiß über niemanden mehrgelacht und gespottet als über mich selbst. Doch ich weiß nicht wasmich damals vor eine Thorheit überfiel, daß ich auf den Entschluß