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Die Gedanken sind so vernünfftig, daß die ihrigen damit nothwendigübereinstimmen müßen. Was hat die Frau Mutter Ursache sich soüber mich zu betrüben? ES muß ihr ja gleich viel seyn, ob ich hieroder da mein Glück finde, wenn Sie mir es würcklich gönnet, wie iches gewiß glaube. Und wie haben Sie sich vorstellen können, daß ich,wenn ich auch nach Wien gegangen wäre, daselbst meine Religionwürde verändert haben? Daraus kan ich schließen wie sehr sie wie-der mich eingenommen seyn müßen. Doch Gott, hoff- ich, soll mirGelegenheit geben, so wohl meine Liebe gegen meine Religion,als gegen meine Acltern deutlich genug an Tag zu legen. Ichverbleibe
Dero
Berlin, den 11 April 1749. gehorsamster Sohn. L.
Hochzuehrender Hr. Vater,
Ich erhalte jczo den Augenblick dero Schreiben vom 25 April,welches ich um so viel lieber alsobald beantworte, je angenehmer mires gewesen ist. Sie können gewiß versichert seyn, daß ich in meinemlchlcrn Briefe nichts ungegründcteS geschrieben habe. Alles was ichdarinnen versprochen will ich genau erfüllen. Und ich werde mit ebenso großen Vergnügen nach Gdttingcn reisen, als ich nimmermehr nachBerlin gcreisct bin. Die Briefe an den Geh. Rath von Münckhausen,und an den Hrn. Prof. Gcßncr sollen unfehlbar über acht Tage in Ca-mcnz seyn. Meinen Couffcr erwarte mit großem Verlangen, und ichbitte nochmals inständig alle die Bücher hineinzulegen, die ich in ei-nem meiner Briefe benennt habe. Ich bitte mir auch das vornehmstevon meinen Manuscripten mit aus, auch die einigen Bogen, Wein undLiebe. ES sind freye Nachahmungen dcS AnakreonS, wovon ich schoneinige in Meisen gemacht habe. Ich glaube nicht daß mir sie derstrengste Sittenrichter zur Last legen kan.
Vita vei'eeurxla ost, I>Ius.i jocosa milii.So entschuldigte sich Martial in gleichen Falle. Und man mußmich wenig kennen, wenn man glaubt, daß meine Empfindung im ge-ringsten damit Harmoniren. Sie verdienen auch nichts weniger als denTittel, den Sie ihnen, als allzustrcnger Theologe geben. Sonst würde»die Oden und Lieder, des größten Dichters unsrer Zeiten, des Hrn. vonHagedorns, noch eine viel ärgre Benennung werth seyn. In der Thatist nichts als meine Neigung, mich in allen Arten der Poesie zu ver-suchen, die Ursache ihres Daseyns. Wenn man nicht versucht welche