Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
13
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LessingS Briefe, 1749.

IUon8ieur»loiisiour I^essinAPremier I^a5leur 6e8 ÜAl!8e»ü

t^amon?>>ar <Zros8en!i!>^n.

Hochzuchrender Herr Vater

Ich habe den Coffer mit den specificirten, darinnen enthaltenen,Sachen rick)tig erhalten. Ich danke Ihnen vor diese große Probe ihrerGütigkcit, und ich würde in meinem Danke weitläuffiger seyn, wennich nicht, leider, aus allen Ihren Briefen gar zu deutlich schließen müßte,daß Sie, eine Zeitlang her gewohnt sind, das aller niedrigste, schimpff-lichste und gottloseste von mir zu gedenken, sich zu überreden, und über-reden zu laßen. Nothwendig muß Ihnen also auch der Dank einesMenschen, von dem Sie so vortheilhaffte Meynungen hegen, nicht an-der« als verdächtig seyn. Was soll ich aber darbcy thun? Soll ich michweitläuffig entschuldigen? Soll ich meine Verläumdcrbeschimvffen, und

zur Rache ihre Blöße aufdecken? Soll ich mein Gewißen--soll ich

Gott zum Zeugen anruffen? Ich müsie weniger Moral in meinen Hand-lungen anzuwenden gewohnt seyn, als ich es in der That bin, wennich mich so weit vergehen wollte. Aber die Zeit soll Richter sevn.Die Zeit soll es lehren ob ich Ehrfurcht gegen meine Acltern, Ueber-zeugung in meiner Religion, und Sitten in meinem Lebenswandel habe.Die Zeit soll lehren, ob der ein bcßrcr Christ ist, der die Grund-sähe der christl, Lehre im Eedächtnißc, und oft ohne sie zu ver-stehen, im Munde hat, in die Kirche geht, und alle Gebräuche mitmacht, weil sie gewöhnlich sind; oder der, der einmal klüglich gc-zwciffclt hat, und durch den Weg der Untersuchung zur Ueberzeugunggelangt ist, oder sich wenigstens noch darzu zu gelangen bestrebet. DieChristliche Religion ist kein Werk, das man von seinen Aeltcrn aufTreue und Glaube annehmen soll. Die meiste» erben sie zwar vonihnen, eben so wie ihr Vermögen, aber sie zeugen durch ihre Auffüh-rung auch, was vor rechtschaffne Christen sie sind. So lange ich nichtsehe, daß man eins der vornehmsten Gebothe des Christenthums, Sei-nen Feink zu lieben nicht beßer beobachtet, so lange zwciffle ich,ob diejenigen Christen sind, die sich davor ausgeben.

As. Müller hätte etwas wahrhafftcr seyn können in seinen Nach-richten. Hier haben sie die ganze Geschichte ihres Briefes an den älternHrn. Rüdiger, so wie ich sie nur vor wenig Wochen erfahren habe. Dieser