LessingS Briefe. 1766.
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Freund, ich habe in den wenigen Wochen, die ich aus Berlin bin, mehrals tausendmal an Sie gedacht, mehr als hundertmal von Ihnen ge-sprochen, mehr als zwanzigmal an Sie schreiben wollen, und mehr alsdreymal auch schon an Sie zu schreiben angefangen. In dem erstenBriefe, welchen ich an Sie anfing, versuchte ich den Landkutschenwitzdes Herrn Geliert nachzuahmen; denn Sie wissen, daß ich in einerLandkutsche von Berlin abreiste. Ich hatte zwar nicht das Glück/ miteinem Scharfrichter zu fahren, und durfte nie, als bey den heftigenStößen des Wagens, nach meinem Kopfe fühlen, ob ich ihn noch hätte.Ich hatte aber sonst eine lustige Person unter meinen Gefährten ge-funden: einen jungen Schweizer nehmlich, welcher sich den halbenWeg über mit einem Oestreich» um den Vorzug ihrer Mundartenzankte. Doch ich besann mich gar bald, daß aus den Nachahmungennichts komme, und fing einen zweyten Brief an, in welchem ich Ori-ginal fern, und die Schnaken eben so wohl, als die Komplimente ver-meiden wollte. Die Komplimente, liebster Ramler, aber nicht die auf-richtigen Versicherungen, wie schätzbar mir Ihre Freundschaft ist, zuder ich in Berlin so spät gelangt zu seyn, noch nicht aufhören werdezu beklagen. Ueber wen aber? Ueber mich selbst; über meine eigensin-nige DcnkungSart, auch die Freunde als Güter des Glücks anzusehen,die ich lieber finden, als suchen will. — In meinem dritten Briefewollte ich Ihnen lauter Neuigkeiten melden, und Ihnen alle Dieje-nigen nennen, die ich hier kennen gelernt. Ich wollte Ihnen schreiben,daß ich Herrn Geliert vcrschicdenemal besuchte. DaS erstemal kam ichgleich zu ihm, als ein junger Baron, der nach Paris reisen wollte,von ihm Abschied nahm. Können Sie wohl errathen, um was der be-scheidne Dichter den Baron bat? Ihn zu vertheidigen, wenn man inParis etwaö BöscS von ihm sagen sollte. Wie glücklich, dachte ich beymir selbst, bin ich, von dem man in Paris weder Böses noch Gutesredet! Aber sagen Sie mir doch, wie nennen Sie so eine Bitte? naifoder albern? — Herr Gcllert ist sonst der beste Mann von der Welt.
Mein vierter Brief an Sie--Aber es ist genug, daß ich Ihnen
von den ersten drevcn eine Probe zum Beweise gegeben habe, daß ichsie wirklich schreiben wollen. Mein vierter Brief also mag nur die-ser seyn; der erste, welcher seine völlige Wirklichkeit erlangt hat. Unddas Wichtigste, was Ihnen dieser melden soll, ist dieses, daß ich aufOstern mich ganz gewiß von meinen Freunden auf drey Jahre beurlau-ben werde. Ich habe unverhoffc eine weit bessere Gelegenheit zu reisengefunden, als der Herr Prof. Sulzer für mich im Werke hatte. Unser
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