Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
38
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LtssiugS Briefe. 1750.

der bleibe»/ sondern gar bald nichts bessers als irgend ein unvernünf-tiges Thier werden, er erhielt also die Perfcktibilität nicht deswegen,um etwas Besseres als ein Wilder zu werde»/ sondern deswegen/ umnichts GeringerS zu werden. Ich zweifle, ob ich mich deutlich ge-nug ausdrücke, und zweifle noch mehr, ob mein Einwurf Stich hal-ten würde, wenn ich ihn auch noch so deutlich ausdrückte. Ich «er-spare ihn also, wie gesagt, auf unsre persönliche Zusammenkunft. Undwenn soll denn diese seyn? werden Sie fragen. Ganz gewiß in dennächsten drcv oder vier Wochen. Mein Reisegefährte will Berlin nochvor seiner Abreise sehen, weil uns unser Weg vielleicht nicht durch-führen möchte. Er will cS, und Sie können sich leicht vorstellen, daßich es ihm nicht auszureden suchen werde. AlSdann, liebster Freund,will ich mich umständlicher über Ihre Übersetzung sowohl, als überIhren Brief erklären, die ich beyde bis jetzt nur loben kann.

In einem von Ihren Briefen fragen Sie mich, ob ich glaubte,daß uns die Großmuth Thränen auspressen könne, wenn sich keinMitleiden in das Spiel mischt? Fch glaube cS nicht, aber gleichwohlglaube ich, daß cS Menschen giebt, welche bey dem lozons ami»,Lioos. weinen, weil mir diese Stelle nicht so gar ohne allen Anlaßzum Mitleiden scheinet, Großmüthige Vergebung kann oft eine vonden härtesten Strafen seyn, und wenn wir mir denen Mitleiden haben,welche Strafe leiden, so können wir auch mit denen Mitleiden haben,welche eine ausserordcntliche Vergebung annehmen müssen. Halten SiecS für unmöglich, daß Cinna selbst bey den Worten, to^oog omis,könne geweint haben? Hat aber Cinna weinen können, warum nichtandere mit ihm? Die Thränen des Cinna würden die schmerzhaftestenEmpfindungen seiner Reue verrathen, und diese schmerzhaftesten Em-pfindungen können mein Mitleiden erwerben, und können mir Thränenkosten. In diesem Falle wäre Cinna der, welchen ich mitleidig be-weinte. Für gewisse Gemüther kann cS aber auch Auaustus seyn,welcher Mitleiden verdienet. Für unedle Gemüther vielleicht, welcheeine solche Handlung der Großmuth für etwas sehr schweres halten;für etwas, das eine erstaunende Selbstüberwindung erfordere, die ohneunangenehme Empfindungen nicht seyn kann. Haben Sie noch nie-manden auS Bosheit weinen sehen, weil er sich nicht rächen können?So einer kann, natürlicher Weise, glaub ick, den Augustus beweinen,weil er ihn in eben den Umständen vermuthet, die ihm so schmerzhaftgewesen sind. Uebcrhaupt, wenn Großmuth das cdelmüthige Bezeigengegen unsre Feinde ist, so kann ich mir gar keinen Fall vorstellen, bey