Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
46
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Lessings Briefe. 176l>.

als er scheint. DaS Beste einer einzelnen Person muß dem allgemei-nen Besten jederzeit nachgesetzt werden. Und auch seiner eignen Ehrewäre cS zuträglicher, denn wer wollte nicht lieber wie ein schlechterPoet, als wie ein schlechter Philosoph ersaufen? Ich will ihm damit/nach Bekanntmachung seiner Unterredungen, das ihm einmahl zuge-schriebene Schicksal weder prophezeihcn noch wünschen; da sey Gottvor; ich wollte ihn sogar, mit Gefahr meines eignen Lebens, wennich ihn fallen sahe, aus dem Wasser retten: aber gleichwohl Kurz,Naumann ist nicht klug.

Wollen Sie sich angeführt und gelobt sehen, so lesen Sie Zim-mermannS Betrachtungen über die Einsamkeit. Und wollen Sie sichnächstens von mir gelobt lesen, so schicken Sie mir, ohne fernere Ein-wendung, mit erster Post, wenigstens Ihre Abhandlung von der Wahr-scheinlichkeit. Wenn ich sie auch nicht ganz verstehe, so will ich dochauch hoffentlich kein Zero für ein O ansehen. °) Leben Sie wohl, undHerr Nicolai soll auch wohl leben. Er soll mir doch melden, was dasbey Hrn. Lange angekündigte Journal macht. Ich bin wenigstensnoch neugierig. Leben Sie nochmahls wohl.

Ihr

ergebenster FreundLessing .

°) In Moses Abhandlung von der Wahrscheinlichkeit tt'mm,etwas Kalkül vor. Gegen das Ende der Abhandlung, da wo der Verfasserdiejenige» Philosophen widerlegte, welche das aviuiiMirium i»iiiirvrv»iiilvannehme», (s. Moses Philosoph. Schriften iltrr Theil Seite 279) lbut erdar: a»s ihrer Meinung würde folgen:der Erad der göttliche» 'Präscienzsey 0 (null)."

Moses las diese Abhandlung nicht selbst vor, weil er sich den mündli-chen Bortrag aus Bescheidenheit nicht zutraute. Derjenige, den Mosc» er-sucht hatte, das Vorlesen zu übernehmen, machte einen lustigen Fehler,worauf die Stelle des Briefwechsels zielt. Als der Vorleser an die obenangezeigte Stelle kam, las er anstatt Null- O. A»f dieses ga»z un-vermuthet sehr vernehmlich ausgesprochene O! sahe» sich alle Zuhörer an,und einige lachten z den» in der Abhandlung kommt zwar «. ii. n. x. v- vor,aber kein o.

Es hielt sich damals einige Jahre lang !» Berli» ei» Schottlaiider Na-mens Middleton auf, den man für einen jünger» Soh» einer gräfliche»Familie hielt. Es war ei» etwas seltsamer uud launiger junger Mann, deraber viele treffliche Eigenschaften hatte. Er studirte mit großem Eifer diedeutsche Literatur, und sprach zuletzt nicht nur Deutsch beynahe so gut wieEngländisch, sondern schrieb auch in unsrer Sprache. Er übersetzte Moses