Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
51
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Lessinas Briefe. 1750.

man auf der einen Seite Lust zur Freude, und auf der andern Unlustzur Traurigkeit, in beständiger Vermischung anwachsen läßt; ich würde Sie glauben nicht, was ich alles würde.

Ich will Ihnen nur noch einige Proben geben, wie leicht undglücklich aus meinem Grunds.che, nicht nur die vornehmste bekannteRegeln, sondern auch eine Menge neuer Regeln fließe, an derenStatt man sich mit dem bloßen Gefühle zu begnügen pflegt.

Das Trancrspiel soll so viel Mitleid erwecken, als es nur immerkann; folglich müssen alle Personen, die man unglücklich werden läßt,gute Eigenschaften haben, folglich muß die beste Person auch die un-glücklichste seyn, und Verdienst und Unglück in beständigem Verhält-nisse bleiben. DaS ist, der Dichter muß keinen von allem Euren ent-blößten Bösewicht aufführen. Der Held oder die beste Person mußnicht, gleich einem Gottc, seine Tugenden ruhig und ungckränkc über-sehen. Ein Fehler dcS CanutS, zu dessen Bemerkung Sie auf einemandern Wege gelanget sind. Merken Sie aber wohl, yaß ich hier nichtvon dem AuSgange rede, denn das stelle ich in dcS Dichters Gutbc-fiudcn, ob er lieber die Tugend durch einen glücklichen AuSgang krö-nen, oder durch einen unglücklichen uns noch interessanter machen will.Ich verlange nur, daß die Personen, die mich am meisten für sich ein-nehmen, während der Dauer des Stücks, die unglücklichsten sevnsollen. Zu dieser Dauer aber gehöret nicht der AuSgang,

DaS Schrecken, habe Ich gesagt, ist da» überraschte Mitleiden;ich will hier noch ein Wort hinzusehen: das überraschte und uncnt-ivickclre Mitleiden; folglich wozu die Uebcrraschuug, wenn cS nichtentwickelt wird? Ein Trauerspiel voller Schrecken, ohne Mitleid, istein Wetterleuchten ohne Donner. So viel Blihc, so viel Schläge,wenn u»S der Blil) nicht so gleichgültig werden soll, daß wir ihmmit einem kindischen Vergnügen entgegen gaffen. Die Bewunderung,habe ich mich ausgedrückt, ist das entbehrlich gewordene Mitleid. Daaber das Mitleid daS Hauptwerk ist, so muß cS folglich so selten alsmöglich entbehrlich werden; der Dichter muß seinen Held nicht zu sehr,nicht zu anhaltend der bloßen Bewunderung aussehen, und Cato alsein Stoiker ist mir ein schlechter tragischer Held. Der bewunderteHeld ist der Vorwurf der Epopce; der bedauerte dcS Trauerspiels.Können Sie sich einer einzigen Stelle erinnern, wo der Held des Ho-mers, des VirgilS, dcS Tasso, des KlopstockS , Mitleiden erweckt? odereines einzigen alten Trauerspiels, wo der Held mehr bewundertals bedauert wird? Hieraus können Sie nun auch schließen, was ichvon Ihrer Einthcilung der Trauerspiele halte. Sie fällt mit Ihrer

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