60 Lcssings Briefe. 1766.
sagen- Die Welt, die Cäsarn dient/ ist meiner nicht mehr werth.Die Bewunderung setzt dem Mitleiden Schranken. Das Schreckenbraucht der Dichter zur Ankündigung des Mitleids, und Bewunderunggleichsam zum Richtpunkte desselben. Der Weg zum Mitleid wird demZuhörer zu lang, wenn ihn nicht gleich der erste Schreck aufmerksammacht, und das Mitleiden nützt sich ab, wenn es sich nicht in derBewunderung erholen kann. Wenn es also wahr ist, daß die ganzeKunst des tragischen Dichters auf die sichere Erregung und Dauer deseinzigen Mitlcidens geht, so sage ich nunmehr/ die Bestimmung derTragödie ist diese: sie soll unsre Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, er-weitern- Sie soll uns nicht blos lehren, gegen diesen oder jene»Unglücklichen Mitleid zu fühle»/ sondern sie soll uns so weit fühlbarmachen, daß uns der Unglückliche zu allen Zeiten/ und unter allenGestalten, rühren und für sich einnehmen muß. Und nun berufe ichmich auf einen Satz, den Ihnen Herr Moses vorläufig dcmoustrircnmag, wenn Sie, Ihrem eignen Gefühl zum Trotz, daran zweifelnwollen. Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allengesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmuth der aufge-legteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugend-hafter, und das Trauerspiel, das jenes thut, thut auch dieses, oder —eS thut jenes, um dieses thun zu können. Bitten Sie cS dem Aristo-teles ab, oder widerlegen Sie mich.
Auf gleiche Weise verfahre ich mit der Komödie. Sie soll unszur Fertigkeit verhelfen, alle Arten des Lächerlichen leicht wahrzuneh-men. Wer diese Fertigkeit besitzt/ wird in seinem Betragen alle Artendes Lächerlichen zu vermeiden suchen/ und eben dadurch der wohlgczo-genste und gesittetste Mensch werden. Und so ist auch die Nützlichkeitder Komödie gerettet.
Beyder Nutzen, des Trauerspiels sowohl als des Lustspiels, istvon dem Vergnügen unzertrennlich; denn die ganze Hälfte deS Mit-leids und des Lachens ist Vergnügen, und cS ist großer Vortheil fürden dramatischen Dichter, daß er weder nützlich, noch angenehm, einesohne das andere seyn kann.
Ich bin jetzt von diesen meinen Grillen so eingenommen, daß ich,wenn ich eine dramatische Dichtkunst schreiben sollte, weitläuftige Ab-handlungen vom Mitleid und Lachen voranschickcn würde. Ich würdebeydes sogar mit einander vergleichen, ich würde zeigen, daß das Wei-nen eben so aus einer Vermischung der Traurigkeit und Freude, alsdas Lachen aus einer Vermischung der Lust und Unlust entstehe, ichwürde weifen, wie man das Lachen in Weinen verwandeln kann, wo