Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
49
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LessiiigS Briefe, 1756.

Aber werden auch zugleich alle diese Leidenschaften in den Zuschauernrege? Wird er freudig? wird er verliebt? wird er zornig? wird errachsüchtig? Ich frage nicht, ob ihn der Poet so weit bringt, daß erdiese Leidenschaften in der spielenden Person billiget, sondern ob erihn so weit bringt, daß er diese Leidenschaften selbst fühlt, und nichtblos fühlt, ein andrer fühle sie?

Kurz, ich finde keine einzige Leidenschaft, die das Trauerspiel indem Zuschauer rege macht, als das Mitleiden. Sie werden sagen: er-weckt es nicht auch Schrecken? erweckt es nicht auch Bewunderung?Schrecken und Bewunderung find keine Leidenschaften, nach meinemVerstände. Was denn? Wenn Sie es in Ihrer Abschildcrung getroffenhaben, was Schrecken ist, eiis milii msznus Apollo, und wenn Siees getroffen haben, waS Bewunderung ist, pli^IIill-i lulus Iislielo.

Setzen Sie sich hier auf Ihre Richterstühle, meine Herren, Ni-kolai und MoseS . Ich will cS sagen, was ich mir unter beyden vorstelle.

DaS Schrecken in der Tragödie ist weiter nichts als die plötz-liche Ucbcrraschung des Mitleides, ich mag den Gegenstand meinesMitleids kennen oder nicht. Z. E> endlich bricht der Priester damitherauS: Du Oedip bist der Mörder des Lajus! Ich erschrecke,denn auf einmahl sehe ich den rcchtschafnen Oedip unglücklich; meinMitleid wird auf einmahl rege. Ein ander Erempel: eS erscheinet einGeist; ich erschrecke- der Gedanke, daß er nicht erscheinen würde, wenner nicht zu des einen oder zu des andern Unglück erschiene, die dunkleVorstellung dieses Unglücks, ob ich den gleich noch nicht kenne, deneS treffen soll, überraschen mein Mitleid, und dieses überraschte Mit-leid heißt Schrecken. Belehren Sie mich eines Bessern, wenn ichUnrecht habe.

Nun zur Bewunderung! Die Bewunderung! O in der Tragö-die, um mich ein wenig orakelmäßig auszudrucken, ist sie das entbehr-lich gewordene Mitleiden. Der Held ist unglücklich, aber er ist übersein Unglück so weit erhaben, er ist selbst so stolz darauf, daß es auchin meinen Gedanken die schreckliche Seite zu verlieren anfangt, daßich ihn mehr beneiden, als bedauern möchte.

Die Staffeln sind also diese- Schrecken, Mitleid, Bewunderung.Die Leiter aber heißt- Mitleid; und Schrecken und Bewunderung sindnichts als die ersten Sprossen, der Anfang und das Ende des Mitleids.Z. E. Ich hör- auf einmahl, nun ist Cato so gut als des CäsarsMörder. Schrecken! Ich werde hernach mit der vcrchrungSwürdigcnPerson deS erstem, und auch nachher mit seinem Unglücke bekannt.Das Schrecken zertheilet sich in Mitleid. Nnn aber hör' ich ihnLesiings Weeke xil, 4