wenn Verräthcrey mit untcrgelaufcn ist, wahrhastig! so habe ich nichtdas Geheimniß/ sondern das Geheimniß hat mich verrathen.
Auf den polemischen Theil Ihres Briefes folgt der didaktische.Ich danke Ihnen aufrichtig für den kurzen Auszug aus Ihrer Abhand-lung über das Trauerspiel. Er ist mir auf mancherley Weise sehrangenehm gewesen, und unter andern auch deswegen, weil er mir Ge-legenheit giebt zu widersprechen. Ucbcrlegen Sie ja alles wohl, wasich darauf sagen werde; denn cS könnte leicht seyn, daß ich nicht alleswohl überlegt hätte — Ich will umwenden, um das freye Feld vormir zu haben!
Vorläufiges Compliment! Da die Absicht, warum ich gewisseWahrheiten abhandele, die Art, wie. ich sie abhandeln soll, bestimmenmuß, und da jene eS nicht allezeit erfordert, auf die allerersten Be-griffe zurück zu gehen, so würde ich gar nichts wider Ihren Aufsatzzu erinnern haben, wenn ich Sie nicht für einen Kopf hielte, dermehr als eine Absicht dabcv hätte verbinden können.
ES kann seyn, daß wir dem Grundsahe: Das Trauerspiel sollbessern, manches elende aber gutgemeinte Stück schuldig sind; cS kannseyn, sage ich, denn diese Ihre Anmerkung klingt ein wenig zu sinnreich,als daß ich sie gleich für wahr halten sollte. Aber das erkenne ich fürwahr, daß kein Grundsatz, wenn man sich ihn recht geläufig gemachthat, bessere Trauerspiele kann hervorbringen helfen, als der: Die Tra-gödie soll Leidenschaften erregen.
Nehmen Sie einen Augenblick an, daß der erste Grundsah ebenso wahr als der andere stv, so kann man doch noch hinlängliche Ur-sachen angeben, warum jener bey der Ausübung mehr schlimme, unddieser mehr gute Folgen haben müsse. 'Jener hat nicht deswegenschlimme Folgen, weil er ein falscher Grundsatz ist, sondern deswegen,weil er entfernter ist, als dieser, weil er blos den Endzweck angiebt,und dieser die Mittel. Wenn ich die Mittel habe, so habe ich denEndzweck, aber nicht umgekehrt. Sie müssen also stärkere Gründe ha-ben, warum Sie hier vom Aristoteles abgehen, und ich wünschte, daßSie mir einiges Licht davon gegeben hätten; denn dieser Vcrabsäu-mung schreiben Sie cS nunmehr zu, daß Sie hier meine Gedankenlesen müssen, wie ich glaube, daß man die Lehre des alten Philosophenverstehen solle, und wie ich mir vorstelle, daß das Trauerspiel durchErzeugung der Leidenschaften bessern kann.
Das meiste wird darauf ankommen: was das Trauerspiel für Lei-denschaften erregt. In seinen Personen kann es alle mögliche Leiden-schaften wirken lassen, die sich zu der Würde des Stoffes schicken.