LessingS Briefe. 1756. Z3
meinen Begrif vom Weinen falsch finden werden, so bald werde ichihn auch verwerfe»/ und ihn für weiter nichts halten, als für einegewaltsame Ausdehnung meines Begrifs vom Lachen. Jctzo halte ichihn noch für wahr; denn ich denke so: alle Betrübniß, welche vonThräne» begleitet wird, ist eine Betrübniß über ein vcrlohrncS Gut;kein anderer Schmerz, keine andre unangenehme Empfindung wird vonThränen begleitet. Nun findet sich bey dem verlohrnen Gute nichtallein die Idee des Verlusts, sondern auch die Idee des Guts, undbeyde, diese angenehme mit jener unangenehmen, sind unzertrennlichverknüpft. Wie, wenn diese Verknüpfung überall Statt hätte, wo dasWeinen vorkommt? Bey den Thränen des Mitleids ist es offenbar.Bey den Thränen der Freude trift es auch ein- denn man weint nurda vor Freude, wenn man vorher» elend gewesen, und sich nun aufeinmahl beglückt sieht, niemahls aber, wenn man vorher nicht elendgewesen. Die einzigen sogenannten Buslhränen machen mir zu schaf-fen, aber ich sorge sehr, die Erinnerung der Annehmlichkeit der Sünde,die man jetzt erst für strafbar zu erkennen anfängt, hat ihren gutenTheil daran; es müßte denn seyn, daß die Buslhränen nichts andersals eine Art von Freudenthränen wären, da man sein Elend, denWeg des Lasters gewandelt zu seyn, und seine Glückseligkeit, den Wegder Tugend wieder anzutreten, zugleich empfände.
Ich bitte Sie nur noch, auf die bewundernswürdige HarmonieAcht zu haben, die ich nach meiner Erklärung des Weinens, hier zwi-schen den respondirendcn Veränderungen des KörvcrS und der Seelezu sehen glaube. Man kann lacken, daß die Thränen in die Augentreten; das körperliche Weinen ist also gleichsam der höchste Grad deskörperlichen Lachens. Und was braucht es bev dem Lachen in derSeele mehr, wenn cS zum Weinen werden soll, als daß die Lust undUnlust, aus deren Vermischung das Lachen entsteht, beyde zum höch-sten Grade anwachsen, und eben so vermischt bleiben. Z. E> der Kopfeines Kindes in einer großen StaatSpcrücke ist ein lächerlicher Gegen-stand; und der große Staatsmann, der kindisch geworden ist, ein be-weinenSwürdigcr.
Ich sehe, daß mein Brief doch lang geworden ist. Nehmen Siemir es ja nicht übel. Leben Sie wohl, liebster Moses, und fahrenSie fort mich zu lieben. Ich bin
ganz der IhrigeLessing.