Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
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54
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LcssingS Briefe. 176«;.

An Moses Mendelssohn .

Leipzig , den 28. Nov. 1760.

Liebster Freund!

Ich muß Ihnen auf Ihren letzten Brief den Augenblick antwor-ten; denn was bey mir nicht den Augenblick geschieht, das geschiehtentweder gar nicht/ oder sehr schlecht. Da ich aber nichts weniger alslange Weile habe, und den größten Theil des Tages mit unsern Gä-sten zubringen muß (denn das wissen Sie doch, daß nunmehr auchLeipzig nicht langer von Preußischer Einquartierung verschont ist?) sowerde ich von der Faust weg schreiben, und meine Gedanken unter derFeder reif werden lassen.

Es kömmt mir sehr gelegen, was Sie von der Bewunderung sa-gen; und in meinem Briefe an unsern Freund habe ich diesen Affektnicht sowohl überhaupt erklären, als anzeigen wollen, waS für Wir-kung er in dem Traucrsvicle hervorbringe, eine Wirkung, die Sie selbstnicht ganz in Abrede sind.

Wir gerathen in Bewunderung, sagen Sie, wenn wir an einemMenschen gute Eigenschaften gewahr werden, die unsre Meinung, diewir von ihm oder von der ganzen menschlichen Natur gehabt haben,übertreffen. In dieser Erklärung finde ich zweverlev Dinge, die zwcycr-lcv Nahmen verdienen, und in unserer Sprache auch wirklich haben.Wenn ich an einem gnte Eigenschaften gewahr werde, die meine Mei-nung von ihm übertreffen; so heißt das nicht, ich bewundere ihn,sondern ich verwundere mich über ihn. Bewundern Sie den sterben-den Gusmann? Ich nicht, ich verwundere mich blos, daß aus einemchristlichen Barbaren so geschwind ein Mensch geworden ist, ja ichverwundere mich so sehr, daß ich mich nicht enthalten kann, den Dich-ter ein wenig zu tadeln. Die Veränderung ist zu jäh, und nach demCharakter des Gusmann durch nichts wahrscheinlich zu machen, alsdurch eine übernatürliche Wirkung der Religion. Voltaire muß cSselbst gemerkt haben:Sieh hier den Unterschied der Götter, die wir ehren,Die deinen konnten dich nur Wuth und Rache lehren.Bis diesen Augenblick habe ich den GuSmann gehaßt: ich freue michfast, daß ihn der Wilde erstochen hat; er erstach ein Ungeheuer, daseine Welt verwüstete; wo sollte das Mitleiden herkommen? Nunmehraber höre ich, er vcrgicbt; er thut die erste und letzte gute That, dieich nicht von ihm erwartet hätte; das Mitleid erscheint an der Hand

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