Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
55
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LesstngS Briefe. 1756.

der Verwunderung/ das ist, cS entsteht durch die endlich und plötzlichentdeckte gute Eigenschaft. Ich sage mit Fleiß: plötzlich/ um eineErfahrung daraus zu erklären/ die ich wirklich gehabt habe, ehe dieSpeculation noch daran Theil nehmen konnte. Ich bin, als ich dieseScene zum erstciimahl laS/ über die Vergebung dcS GuSmann er-schrocken. Denn den Augenblick fühlte ich mich in der Stelle desZamor. Ich fühlte seine Beschämung/ seine schmerzliche Erniedrigung,ich fühlte es, was eS einem Geiste, wie dem seinigen, kosten müsse,zu sagen: ich schäme mich der Rache! Zum Tode, dem kleinernNebel, war er vorbereitet; zur Vergebung, dem größern, nicht.

Also, wenn ein Bdsewicht oder jede andere Person eine gute Ei-genschaft zeigt, die ich in ihm nicht vermuthet hätte, so entsteht keineBewunderung, sondern eine Verwunderung, welche so wenig etwasAngenehmes ist, daß sie vielmehr weiter nichts, als ein Fehler desDichters genannt zu werden verdient, weil in keinem Charakter mehrseyn muß, als man sich Anfangs darinn zu finden verspricht. Wenn derGeizige auf einmahl frcvgcbig, der Ruhmredige auf einmahl bescheidenwird; so verwundert man sich, bewunder» aber kann man ihn nicht.

Wenn nun dieser Unterschied keine falsche Spitzfindigkeit ist, sowird die Bewunderung allein da Statt finden, wo wir so glänzendeEigenschaften entdecken, daß wir sie der ganzen menschliche» Naturnicht zugetrauet hätten. Uni dieses näher einzusehen, glaube ich, wer-de» folgende Puuktc etwas bcvtragen können.

Was sind dieses für glänzende Eigenschaften, die wir bewundern?Sind cS besondere Eigenschaften, oder sind cS nur die höchsten Gradeguter Eigenschaften? Sind eS die höchsten Grade aller guter Eigen-schaften, oder nur einiger derselben?

Das Wort Bewunderung wird von dem größten Bewunderer, demPöbel, so oft gebraucht, daß ich cS kaum wagen will, aus dem Sprach-gebrauchs etwaS zu entscheiden. Seine, des Pöbels Fähigkeiten sindso gering, seine Tugenden so mäßig, daß er bevde nur in einem leid-lichen Grade ciitdccken darf, wen» er bewundern soll. WaS über seineenge Sphäre ist, glaubt er über die Sphäre der ganzen menschlichenNatur zu seyn.

Lassen Sie uns also nur diejenigen Fälle untersuchen, wo diebessern Menschen, Menschen von Empfindung und Einsicht, bewundern.Untersuchen Sie Ihr eigen Herz, liebster Freund! Bewundern Sie dieGütigkeit des AugustuS, die Kcuschheit des HippolvtS, die kindlicheLiebe der Chimenc? Sind diese und andere solche Eigenschaften überden Bcgrif, den Sie von der menschlichen Natur haben? Oder zeigt