Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
56
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LcsslngS Briefe. 1766.

nicht vielmehr die Nachcifcrung selbst, die sie in Ihnen erwecken, daßsie noch innerhalb diesem Begriffe sind?

WaS für Eigenschaften bewundern Sie denn nun? Sie bewun-dern einen Eato, einen Esser mit einem Worte, nichts als Beyspieleeiner unerschüttcrtcn Festigkeit, einer unerbittlichen Standhaftigkeit,eines nicht zu erschreckenden Muths, einer heroischen Verachtung derGefahr und des TodeS; und alle diese Beyspiele bewundern Sie umso viel mehr, je besser Sie sind, je fühlbarer Ihr Herz, je zärtlicherIhre Empfindung ist. Sie haben einen zu richtigen Begrif von dermenschlichen Natur, als daß Sie nicht alle unempfindliche Helden fürschöne Ungeheuer, für mehr als Menschen, aber gar nicht für guteMenschen halten sollten. Sie bewundern sie also mit Recht; aber ebendeswegen, weil Sie sie bewundern, werden Sie ihnen nicht nacheifern.Mir wenigstens ist eS niemahls in den Sinn gekommen, einem Catooder Esser an Halsstarrigkeit gleich zu werden, so sehr ich sie auch we-gen dieser Halsstarrigkeit bewundere, die ich ganz und gar verachtenund verdammen würde, wenn cS nicht eine Halsstarrigkeit der Tugendzu seyn schiene.

Ich werde also der Bewunderung nichts abbittcn, sondern ich ver-lange, daß Sie cS der Tugend abbittcn sollen, sie zu einer Tochterder Bewunderung gemacht zu haben. ES ist wahr, sie ist sehr oft dieTochter der Nachcifcrung, und die Nacheifern»«, ist eine naiürlicheFolge der anschauenden Erkenntniß einer guten Eigenschaft. Aber mußcS eine bewundernswürdige Eigenschaft seyn? Nichts weniger. ESmuß eine gute Eigenschaft seyn, deren ich den Menschen überhaupt,und also auch mich, fähig halte. Und diese Eigenschaften schließe ichso wenig aus dem Trauerspiele aus, daß vielmehr, nach meiner Mei-nung, gar kein Trauerspiel ohne sie besteht, weil man ohne sie keinMitleid erregen kann. Ich will nur diejenigen großen Eigenschaftenausgeschlossen haben, die wir unter dem allgemeinen Nahmen des He-roismus begreifen können, weil jede derselben mit Uncmpfindlichkeitverbunten ist, und Unempfindlichkeit in dem Gegenstande des Mitleids,mein Mitleiden schwächt.

Lassen Sie uns hier bey den Alten in die Schule gehen. WaSkönnen wir nach der Natur für bessere Lehrer wählen? Um das Mit,leid desto gewisser zu erwecken, ward OedipuS und Alccste von alleinHeroismus entkleidet. Jener klagt weibisch, und diese jammert mehrals weibisch; sie wollten sie lieber zu empfindlich, als unempfindlichmachen; sie ließen sie lieber zu viel Klagen ausschütten, zu viel Thrä-nen vergießen, als gar keine.