Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
57
Einzelbild herunterladen
 

Lessings Briefe. 1756.

57

Sie sagen, das benähme der Bewunderung ihren Werth nicht,daß sie das Mitleiden schwäche oder gar aufhebe, weil sie diese» mitdem Tode des Helden gemein habe. Sie irren hier aus zu großerScharfsinnigkcit. Unter tooo Menschen wird nur ein Weltweiser seyn,welcher den Tod nicht für das größte Uebel, und das Todtscyn nichtfür eine Fortdauer dieses Uebels hält! DaS Mitleiden Hort also mitdem Tode noch nicht auf; gesetzt aber, cZ Hirte auf, so würde dieserUmstand weiter nichts, als die Ursache der Regel seyn, warum sichmit dem Tode des Helden auch das Stück schließen müsse. Kann sichaber das Stück mit der Bewunderung schließen? Wenn ich aber ge-sagt habe, der tragische Dichter müsse die Bewunderung so wenig seinHauptwerk seyn lassen, daß er sie vielmehr nur zu Ruhepunkten deSMitleids machen müsse; so habe ich dieses damit sagen wollen, ersolle seinem Helden nur so viel Standhaftigkeit geben, daß er nichtauf eine unanständige Art unter seinem Unglück erliege. Empfindenmuß er ihn sein Unglück lassen; er muß cS ihn recht fühlen lassen;denn sonst können wir cS nicht fühlen. Und nur dann und wannmuß er ihn lassen einen ell'oit thun, der auf wenige Augenblicke einedem Schicksal gewachsene Seele zu zeigen scheint, welche große Seeleden Augenblick darauf wieder ein Raub ihrer schmerzlichen Empfindun-gen werden muß.

Was Sie von dem Mithridat des Racine sagen, ist, glaub' ich,eher für mich, als für Sie. Eben die edclmüthigc Scene, wo er sei-nen Söhnen den Anschlag, vor Rom zu gehen, entdeckt, ist Ursache,daß wir mit ihm wegen seines gehabten mißlichen Schicksals in demKriege wider die Römer kein Mitleiden haben können. Ich sehe ihnschon triumphircnd in Rom einziehen, und vergesse darüber alle seineunglücklichen Schlachten. Und was ist denn diese Scene bey dem Ra-cine mehr, als eine schöne Flicksccnc? Sie bewundern den Mithridat,diese Bewunderung ist ein angenehmer Affekt; sie kann bey einem Carldem XII. Nacheifern»«, erwecken, aber wird cS dadurch unwahr, daßsie sich besser in ein Heldengedicht als in ein Trauerspiel schicke?

Doch ich will aufhören zu schwatzen, und cS endlich bedenken,daß ich an einen Xvorrsparer schreibe. Ich will, was ich wider dieBewunderung bisher, schlecht oder gut, gesagt habe, nicht gesagt ha-ben; ich will alles wahr scvn lassen, was Sie von ihr sagen. Sie istdennoch aus dem Trauerspiel zu verbannen.

Denn Doch ich will erst eine Erläuterung aus dem Ursprüngedes Trauerspiels voranschicken. Die alten Trauerspiele sind aus demHomer, ihrem Inhalte nach, genommen, und diese Gattung der Ge-