Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
58
Einzelbild herunterladen
 

LcssingS Briefe. 1756.

dichte selbst, ist aus der Absingung seiner Epopecn entsprungen. Ho-mer und nach ihm die Rhapsodisten wählten gewisse Stücke daraus,die sie bey feyerlichen Gelegenheiten, vielleicht auch vor den ThürenumS Brod, abzusingen pflegten. Sie mußten die Erfahrung gar baldmachen, was für Stücke von dem Volke am liebsten gehört wurden.Heldenthaten hört man nur einmal mit sonderlichem Vergnügen; ihreNeuigkeit rührt am meisten. Aber tragische Begebenheiten rühren,so oft man sie hört. Diese also wurden, vorzüglich'vor andern Be-gebenheiten bey dem Homer, ausgesucht, und Anfangs, so wie sie er-zählungsweise bey dem Dichter stehen, gesungen, bis man darauf fiel,sie dialogisch abzutheilen, und das daraus entstand, was wir jetzt Tra-gödie nennen. Hätten denn nun die Alten nicht eben sowohl aus denHeldenthaten ein dialogisches Ganze machen können? Freylich, und siewürden eS gewis; gethan haben, wenn sie nicht die Bewunderung füreine weit ungeschicktere Lehrerinn des Volks als das Mitleiden ge-halten hätten.

Und daS ist ein Punkt, den Sie selbst am besten beweisen können.Die Bewunderung in dem allgemeinen Verstände, in welchem cS nichtsist, als daS sonderliche Wohlgefallen an einer seltnen Vollkommenheit,bessert vermittelst der Nacheifcrung, und die Nacheiferung seht einedeutliche Erkenntniß der Vollkommenheit, welcher ich nacheifern will,voraus. Wie viele haben diese Erkenntniß? Und wo diese nicht ist,bleibt die Bewunderung nicht unfruchtbar? DaS Mitleiden hingegenbessert unmittelbar; bessert, ohne daß wir selbst etwas dazu beytragendürfen; bessert den Mann von Verstände sowohl als den Dummkopf.

Hiermit schließ' ich. Sie sind mein Freund; ich will meine Ge-danken von Ihnen geprüft, nicht gelobt haben. Ich sehe Ihren fer-nern Einwürfen mit dem Vergnügen entgegen, mit welchem man derBelehrung entgegen sehen muß. Jetzt habe ich mich, in Ansehungdes Briefschreibens, in Athem gesetzt; Sie wissen, was Sie zu thunhaben, wenn ich darinn bleiben soll. Leben Sie wohl, und lassen Sieunsre Freundschaft ewig seyn!

Lessing .

An Nicolai.

Leipzig , d. 29. Novemb. 1760.

Liebster Freund,

VorigcSmal bekamen Sie den langen Brief; jetzt hat ihn HerrMoscs bekommen, und Sie bekommen den kurzen.