Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
60
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LessingS Brief-. 1766.

Unfällen, oder erst mit diesen und hernach mit jenen bekannt, so wirdzwar die Rührung stärker, aber zu Thränen kömmt sie nicht. Z. E-Ich frage den Bettler nach seinen Umständen, und er antwortet: ichbin seit drey Jahren amtlos, ich habe Frau und Kinder; sie sindTheils krank, Theils noch zu klein, sich selbst zu versorgen; ich selbstbin nur vor einigen Tagen vom Krankenbette aufgestanden. Das istsein Unglück! Aber wer sind Sie denn? frage ich weiter. Ichbin der und der, von dessen Geschicklichkcit in diesen oder jenen Ver-richtungen Sie vielleicht geHort haben; ich bekleidete mein Amt mitmöglichster Treue; ich könnte eS alle Tage wieder antreten, wenn ichlieber die Creatur eines Ministers, als ein ehrlicher Mann seynwollte :c. Das sind seine Vollkommenheiten! Bey einer solchen Er-zählung aber kann niemand rrxinen. Sondern wenn der Unglücklichemeine Thränen haben will, muß er beyde Stücke verbinden; er mußsagen: ich bin vom Amte gesetzt, weil ich zu ehrlich war, und michdadurch bey dem Minister verhaßt machte; ich hungere, und mit mirhungert eine kranke liebenswürdige Frau; und mit uns hungern sonsthoffnungsvolle, jetzt in der Armuth vermodernde Kinder; und wir wer-den gewiß noch lange hungern müss-n. Doch ich will lieber hungern,als niederträchtig seyn; auch meine Frau und Kinder wollen lieberhungern, und ihr Brot lieber unmittelbar von Gott, das ist, aus derHand eines barmherzigen Mannes, nehmen, als ihren Vater und Ehe-mann lasterhaft wissen :c. (Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen.Sie müssen meinem Vortrage mit Ihrem eignen Nachdenken zu Hülfekommen ) Einer solchen Erzählung habe ich immer Thränen in Be-reitschaft- Unglück und Verdienst sind hier im Gleichgewicht. Aberlassen Sie uns das Gewicht in der einen oder andern Schale vermeh-ren, und zusehen, was nunmehr entsteht. Lassen Sie uns zuerst indie Schale der Vollkommenheit eine Zulage werfen. Der Unglücklichemag fortfahren: aber wenn ich und meine kranke Frau uns nur erstwieder erholt haben, so soll eS schon anders werden. Wir wollen vvnder Arbeit unsrer Hände leben; wir schämen uns keiner. Alle Arten,sein Brot zu verdienen, sind einem ehrlichen Manne gleich anständig;Holz spalten, oder am Ruder des Staates sitzen. ES kömmt seinemGewissen nicht darauf an, wie viel er nützt, sondern wie viel er nützenwollte. Nun hören meine Thränen auf; die Bewundrung ersticktsie. Und kaum, daß ich eS noch fühle, daß die Bewundrung ausdem Mitleiden entsprungen. Lassen Sie uns eben den Versuch mitder andern Wagschale anstellen. Der ehrliche Bettler erfährt, daß eswirklich einerley Wunder, einerley übernatürliche Seltenheit ist, von