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LessingS Briefe, 1757.
annehmen, daß ihnen zwar eine jede Bebung, aber nicht eine jede Be-rührung angenehm seyn mag, sondern nur diejenige Berührung, die einegewisse Bebung in ihnen hervorbringt. Die erste Saite also, die durchdie Berührung erbebt, kann eine schmerzliche Empfindung haben; dadie andre, der ähnlichen Erbcbung ungeachtet, eine angenehme Empfin--gung hat, weil sie nicht (wenigstens nicht so unmittelbar) berührtworden. Also auch in dem Trauerspiele. Die spielende Person gcräthin einen unangenehmen Affekt, und ich mit ihr. Aber warum ist die-ser Affekt bey mir angenehm? Weil ich nicht die spielende Person selbstbin, aus welche die unangenehme Idee unmittelbar wirkt, weil ich denAffekt nur als Affekt empfinde, ohne einen gewissen unangenehmenGegenstand dabev zu denken.
Dergleichen zweyte Affekten aber, die bey Erblickung solcher Af-fekten an andern, in mir entstehen, verdienen kaum den Namen derAffekten; daher ich denn in einem von meinen ersten Briefen schon ge-sagt habe, daß die Tragödie eigentlich keinen Affekt bey uns rege mache,als da? Mitleiden. Denn diesen Affekt empfinden nicht die spielendenPersonen, und wir empfinden ihn nicht blos, weil sie ihn empfinden,sondern er entsteht in uns ursprünglich aus der Wirkung der Gegen-stände auf unS; eS ist kein zweyter mitgetheilter Affekt :e.
Ich hatte mir vorgenommen, diesem Brief eine ungewöhnlicheLänge zu geben, allein ich bin seit einigen Tagen so unpaß, daß esmir unmöglich fällt, meine Gedanken bevsammen zu behalten. Ichmuß also hier abbrechen, und erst von Ihnen erfahren, ob Sie unge-gefähr sehen, wo ich hinaus will; oder ob ich nichts als verwirrtesZeug in diesen Brief geschrieben habe, welches bey meiner außerordent-lichen Beklemmung der Brust (so muß ich meine Krankheit unterdes-sen nennen, weil ich »och keinen Arzt um den griechischen Namen ge-fragt habe) gar leicht möglich gewesen ist.
Ich schreibe nur noch ein Paar Worte von der Bibliothek. Esist mir wegen des Verlegers ein unvermuthctcr verdrießlicher Streichdamit begegnet. Erschrecken Sie aber nur nicht, mein lieber Nicolai,ich habe dem Unglück schon wieder abgeholfen. Laukischcns druckensie nicht; beruhigen Sie aber nur Ihre Neugierdc bis auf den näch-sten Posttag, da sie den Kontrakt des neuen Verlegers zur Unterschriftbekommen, und gewiß damit zufrieden scvn sollen.
Leben Sie beyde wohl; sobald ich besser bin, werde ich Hrn. Ni-colai einen langen Brief über verschiedene Punkte in seiner Abhandlungschreiben, die mir, ohne auf meine cigenthüinlichen Grillen zu se-hen, außerordentlich gefallen hat.