LessiugS Briefe, 1767.
machen sollten, so würde man Sie den poetischen Achsclträger nen-nen müssen.
Ihre Nachricht von der in Berlin gemachten sinnreichen Entde-ckung, daß ich der Verfasser des Schreibens an einen Buchdruckcrgesel-lcn scv, hat mich nichts weniger als belustiget. Vor einigen Wochengab man mir hier Schuld, daß ich das Schreiben eines Großvaters :c.gemacht habe, und da dieses Schreiben wider das Sächsische Interesseist, so bin ich dadurch bey dem patriotischen Theile meiner Landsleuteeben nicht in den besten Ruf gekommen. Da man mich nun auch inBerlin für fähig halten kann, etwas wider das Preußische Interessezu schreiben, so muß ich gegen mich selbst auf den Verdacht gerathen,daß ich entweder einer der unparthcyischsten Menschen von der Welt,oder ein grausamer Sophist bin. '
Ich werde für jetzt hier schließen, und mit Ihrer Erlaubniß aufdem andern Blatte noch ein wenig mit unserm Moses reden. Ich bin
ganz der Ihrige,Lessing.
Mein liebster MoseS,
Ich bin mit Ihrem Betragen gar nicht zufrieden. Wenn ich einschlechter Bczahler bin, müssen Sie deswegen ein unbarmherziger Ein-treiber seyn? Eben da ich an einem ordentlichen Buche an Sie ar-beite, (denn mit einem Briefe sind Sie leider nicht zufrieden) machenSie mir Vorwürfe der Trägheit, die Sie doch lieber durch Ihr eig-nes fleißigeres Schreiben beschämen, als ohne selbst zu schreiben ver-dammen sollten. Denn Sie werden doch wohl nicht verlangen, daßich Ihre Versicherung: Sie hätten mir tauscnderlcy Sachen zu schrei-ben, wollten mir aber von allen eher nichts melden, als bis ich wiedergeschrieben hätte; für ein förmliches Schreiben halten soll?
DaS ordentliche Buch an Sie wird die Folgen enthalten, die ichauS meinem letzt gedachten Grundsatze ziehen zu dürfen glaube. Ichwundere mich, daß Sie mir wenigstens die Folgen nicht zugeben wol-len, die wider Ihre Lehre von der Illusion daraus fließen. Denn,wenn aus diesem bloßen Grundsatze das Vergnügen an nachgeahmtenUnvollkommenheiten zu erklären ist, so sehe ich nicht, wärmn mandas Vergnügen der Illusion erst zu Hülfe rufen müsse.
Weil Sie mahnen, so will ich nun auch mahnen. Wo bleibtIhre fernere Beurtheilung des Trauerspiels, der Freygeist? Sie wer-den antworten: eben da, wo mein Urtheil über den Codrus bleibe,DaS wird künftige Woche kommen-