Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
77
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Lessings Briefe. 1767.

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Von wem habe ich denn die Widerlegung meiner paradoxen Ge-danken vom Mitleiden zu erwarten? Von Ihnen, oder von Hrn. Ni-colai? Und warum heißen es denn paradoxe Gedanken, da eS Sieschon, wo ich nicht irre, einmal sie wahre Gedanken zu nennenbeliebt hat?

Sie schreiben zwar, daß Sie mir meine Briefe, in welchen ichetwas von dem Trauerspiele geschrieben, wieder schickten; aber ich habekeine bekommen. Auch Herr Nicolat hat mir noch keine zurück ge-schickt. Ich wiederhole also meine Bitte.

Lcbcn Sie unterdessen wohl, und hören Sie nicht auf zu lieben

Ihren bestandigen Freund,Lesssng.

Leipzig , d. 2. April 4757.

Mein lieber Nicolai,

Ick) hatte mich vorigen Posttag mit beylicgendem Briefe zu langeverweilt; er blieb daher liegen, und Sie bekommen jetzt zwey fürEinen. Auch bekommen Sie zwey Aushängebogen für Einen, undkönnen folglich mit meiner Verzögerung gar wohl zufrieden seyn.

Ich will auch jetzt anfangen, mein Versprechen zu halten, undIhnen einige fernere Anmerkungen über Ihre Abhandlung von demTrauerspiele mittheilein Ich werde alles schreiben, was mir in dieGedanken kömmt, gesetzt auch, daß vieles falsch, und alles sehrtrocken wäre.

Zu S- 18.

wo Sie die aristotelische Erklärung des Trauerspiels anführen.

Furcht und Mitleiden. Können Sie mir nicht sagen, warumso wohl Datier als Curtius, Schrecken und Furcht für gleich bedeu-tende Worte nehmen? Warum sie das aristotelische ^--.Zos, welchesder Grieche durchgängig braucht, bald durch das eine, bald durchdas andre übersetzen? ES sind doch wohl zwey verschiednc Dinge,Furcht und Schrecken? Und wie, wenn sich das ganze Schrecken, wo-von man nach den falsch verstandenen aristotelischen Begriffen bisherso viel geschwatzt, auf weiter nichts, als auf diese schwankende Über-setzung gründete? Lesen Sie, bitte ich, das zweyte und achte Haupt-stück des zweyten BuchS der aristotelischen Rhetorik: denn das mußich Ihnen bcvläuffg sagen, ich kann mir nicht einbilden, daß einer,der dieses zweyte Buch und die ganze aristotelische Sittcnlehre an den