Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
78
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78 LessingS Briefe. 1767.

NicomachuS nicht gelesen hat, die Dichtkunst dieses Weltwcisen ver-stehen könne. Aristoteles erklärt das Wort <x->/?°?, welches Herr Cur-tiiis am öftersten Schrecke»/ Dacier aber bald /e,»-<-«,-, bald ^--«in/e,übersetzt/ durch die Unlust über ein bevorstehendes Uebel/ und sagt/alle- dasjenige erwecke in uns Furcht, was, wenn wir cS an andernsehen, Mitleiden erwecke, und alles dasjenige erwecke Mitleiden, waS/wenn eS uns selbst bevorstehe, Furcht erwecken müsse. Dem zu Folgekann also die Furcht, nach der Mevnung des Aristoteles, keine un-mittelbare Wirkung des Trauerspiels seyn, sondern sie muß weiternichts als eine reflcctirte Idee seyn. Aristoteles würde bloß gesagthaben: das Trauerspiel soll unsre Leidenschaften durch das Mit-leiden reinigen/ wenn er nicht zugleich auch das Mittel hätte ange-ben wollen, wie diese Reinigung durch das Mitleiden möglich werde;und dieserwegcn setzte er noch die Furcht hinzu, welche er für diesesMittel hielt. Jenes hat seine Richtigkeit; dieses aber ist falsch. DasMitleiden reiniget unsre Leidenschaften, aber nicht vermittelst der Furcht,auf welchen Einfall den Aristoteles sein falscher Begriff von dem Mit-leiden gebracht hat. Hiervon können Sie sich mit Herrn MoscS wei-ter unterreden; denn in diesem Puncte, so viel ich weiß, sind wireinig. Nun behalten Sie, durch die ganze Dichtkunst deS AristoteleS /überall wo Sie Schrecken finden/ diese Erklärung der Furcht inGedanken, (denn Furcht muß cS überall heißen, und nicht Schrecken,)und sagen mir alsdann/ was Sie von der Lehre deS Aristoteles dünkt.

Zu S. tS.

Daß Sie die Gedanken des du Bos so schlechterdings angenom-men haben, damit bin ich nicht so recht zufrieden. Hiervon aber werdeich an unsern MoseS weitläuftiger schreiben. Wenn das, waS du Rossagt, kein leeres Gewäsche seyn soll, so muß eS ein wenig philoso-phischer ausgedrückt werden.

Zu S- 2t. 22. 23.

WaS ich hier von der Nachahmung, und den nachgeahmten Lei-denschaften/ wie Sie sie nennen wollen, sagen könnte/ muß ich gleich-falls auf ein andermal «ersparen. Ich sage jetzt nur so viel: Ist dieNachahmung nur dann erst zu ihrer Vollkommenheit gelangt/ wennman sie für die Sache selbst zu nehmen verleitet wird, so kann z. E-von den nachgeahmten Leidenschaften nichts wahr sevn, was nicht auchvon den wirklichen Leidenschaften gilt. Das Vergnügen über dieNachahmung, als Nachahmung, ist eigentlich das Vergnügen überdie Eeschicklichkeit des Künstlers, welches nicht anders, als aus ange-stellten Verglcichungen, entstehen kann; cS ist daher weit später, als