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Lcssings Briefe. 1767.
tcS solches Ekelet zu lesen geben.') Ich will mich währenddes Schrei-bens besinnen, ob ich es thun soll. Da« zwar, was ich Ihnen jetztvor allen Dingen zu melden habe, könnte mich leicht davon zurückhalten. Denn denken Sie nur einmal, was sich Ihres Königs Sol-daten alles »nterstehn! Bald werden sie auch die besten Verse ma-chen wollen, weil sie am besten siegen können! Der unbändige Ehr-geitz! Da bekomme ich von Berlin vor einigen Tagen eine» Schlacht-gesang, mit dem Zusätze, daß ihn ein gemeiner Soldat gemacht habe,der noch für jedes Regiment einen machen wolle. Er lautet also:Auf, Brüder, Friedrich, unser Held,
Der Feind von fauler Frist,
Ist auf, und ruft uns in das Feld,
Wo Ruhm zu holen ist.Was soll, o Tolpatsch und Pandur,
Was soll die träge Rast?
Auf, und erfahre, das; dn nur
Den Tod verspätet hast.Aus deinem Schedel trinken wir
Bald deinen süßen Wein,
Du Ungar! Mcrseburgcr Bier
Soll bau» verschmähet scv».Dein starkes Heer ist unser Spott,
Ist unsrer Waffe» Spiel;
Denn was kann wider unsern Gott
Theresia, und Brüh.?Was helfen Waffen und Geschütz
Im ungerechte» Krieg?
Und miscr war der Sieg!Und bot' uns in der achten Schlacht
Franzos nnd Russe Trutz;
So lachten wir doch ihrer Macht,
Denn Gott ist unser Schutz!Daß sich ein Mann, ein gemeiner Soldat, der doch ohne Zweifeldie Poesie weder handwerksmäßig gelernt hat, noch darauf gewandertist, solche vortreffliche Verse zu machen untcrstchn darf! Das einzigeMersebiirger Bier will mir nicht recht zu Halse! Wenn der tapfreDichter nicht seit der Zeit geblieben ist, und ich ihn jemals kenne»
°) Dies war der Entwurf einer Ode an Alcist. s.Bd i, S. 205-1