Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
91
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LessingS Briefe. 1757.

mehr als einmal durchgclcscn habe. Zudem lassen sich nicht alle Klei-nigkeiten, die man mündlich so leicht sagt, auch schreiben. Ich habemehr als einmal die Feder angesetzt, Ihnen einen Einwurf wider die-ses oder jenes mitzutheilen; aber sobald ich ihn erst deutlich gedacht,ist mir auch die Antwort bevgefallcn, die Sie mir darauf ertheilenwürden.

Ich danke Ihnen für die mitgetheilte Stelle aus dem Spinoza ;ich muß aber bekennen, daß ich sie ein wenig anders verstehe. ESscheint mir nehmlich, der Weltwcise verstehe unter tilillstio nicht sowohl das eigentlich sogenannte Kitzeln, als vielmehr alles, was demtlolor entgegen gesetzt wird, lzu!>tenu8 ec>r»u8 lelvrtui'; jcdeS an-genehme körperliche Gefühl: denn sonst begreife ich nicht, wie er sa-gen könnte: lit igitur llolor taÜ8, ut titill»tioveui ooerce.it, ue lll,nimm; et e->ten»8 erit vonu8- Die Armuth der lateinischen Sprachehat ihn auch wirklich gezwungen, das Wort tilillatia für alles das-jenige zu setzen, was das Gegentheil von dem körperlichen Schmerzeist. Wollen Sie nun aber das Wort Riyel in diesem wcitläuftigenVerstände nehmen, so können Sie nicht sagen, daß jede kitzelnde Em-pfindung dcS Körpers Lachen erwecke. Dieses findet nur bey dem ei-gentlichen Kitzel Statt, wenn ein Theil des Körpers so afficiret wird,daß weder Schmerz noch das Gegentheil vom Schmerze daraus erfolgt;sondern eine Vermischung von beyden. Und aus dieser Vermischungsoll, nach meiner Erklärung, das Lachen entspringen.

Antworten Sie mir bald, mein lieber MoseS! das andre Blattsoll für jetzt Herr Nicolat haben. Leben Sie wohl! Ich bin

An Moses Mendelssohn. Liebster Freund!

Ich habe die von Ihnen kritisirtcn Gleimschcn Fabeln nur fürcomparative schön gehalten, und sie nie für gute, sondern blos fürdie besten in dieser Sammlung ausgeben wollen. Ich werde michalso wohl hüten, ihre Vertheidigung gegen Sie auf mich zu nehmen?aufs höchste wäre eS noch die zehnte Fabel, für die ich ein PaarWorte wagen möchte. Ich begreife nicht, wie Sie die Zeilen:

Wen» Fricdcrich die Flöte spielt,

So lausche» Graunc so und fühle» Hiuunclslust

Ihr

Leipzig, den 13. Aug. 1757-

aufrichtiger FreundLcssing.