LtssingS Briefe. 1757.
für die Anwendung der Fabel halten können. Es soll ein bloßesGleichniß seyn, das Sie, ohne der Fabel im geringsten Schaden z»thun, ausstrcichen können. Streichen Sie cS also auS, weil es wirk-lich ein wenig widersinnig ist, und lesen das Ganze noch einmal.Der Adler ist über das Lied der Lerche entzückt; er glaubt ihr seineHochachtung nicht besser ausdrücken zu können, als wenn er sie mitin die Wolken nimmt; die bescheidne Lerche dankt für diese Erhebung,und ist mit ihrem angeborncn Vorzüge zufrieden. So begnügt sichein sittsamer Dichter an dem Bcvfalle der Könige, ohne zu verlangen,an ihre Rechte erhöht zu werden. Regiere du, zur Ehre des Schö-pfers; ich bin glücklich genug, zu seiner Ehre zu singen! —
Aber was gehen mich fremde Fabeln an; da ich für meine genugzu sorgen habe? Ich wünschte, Sie hatten mir sie nicht zurück gc-schickt, ohne mir die Fehler derjenigen, die Ihnen nicht gefallen ha-ben, näher anzuzeigen. Ich glaube doch nicht, das; ich in der Erfin-dung eben so gcschlegclt haben sollte, als Gleim? DaS bin ich mirwohl bewußt, daß meine Moralen nicht immer die neuesten und wich-tigsten sind; aber wer kann immer neu seyn? ES ist wahr, die Lehreaus meiner Fabel, Zevs und das Pferd, ist schon oft eingekleidetworden; aber wenn gleichwohl meine Einkleidung eine von den bestenist, so kann ich, glaube ich, mit Recht verlangen, daß man die äl-tern und schlechtem für nicht geschrieben halte. Oemohngeachtet aberdenken Sie nur nicht, daß ich eine einzige will drucken lassen, dienicht Ihren vollkommncn Bevfall hat. ES kostet mir zu wenig Mühe,eine solche Kleinigkeit zu ersinnen, als daß es mir viel Ueberwindungkosten sollte, sie der Kritik aufzuopfern. — Ihre weitere Ausführungvom Erhabnen (die Sie künftigen Posttag zurückbekommen sollen) kameben zu rechter Zeit, um mich zu verhindern, Ihnen etwas Mittelmäßiges von dieser Materie vorzuschwatzen. Mit einer einzigen Anmer-kung will ich aber doch zu Markte kommen. ES ist wahr, etwas Er-habnes auszudrücken, muß man so wenig Worte aufwende», alsmöglich; cS geschieht also freylich oft, daß das Erhabne zugleich naivist; aber die Naivität ist deswegen nicht ein wesentlicher Charakterdes Erhabnen, iüunota tuiieioilio inovenlis ist erhaben, aber nichtnaiv. Die Antwort des griechischen Feldherrn, als man ihm von der"Menge der persischen Pfeile, wodurch die Sonne verdunkelt würde,sprach: wir werden also im Schatten fechten, ist erhaben undnaiv. Dort sagen die Zeichen gleich so viel, als sie sagen wollen,nicht mehr und nicht weniger; hier aber scheinen die Zeichen wenigerzu sagen, ja sogar etwas anders. Ein naiver Gedanke, der weiter