Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
93
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LcssingS Briefe. 17Z7.

nichts als naiv ist, ist ein Unding, eS muß allzeit noch etwas dabeyseyn, erhaben, oder satyrisch, oder lächerlich/ und kurz, alle Arten vonGedanken können naiv seyn, weil das Naive blos in dem Ausdruckebesteht, und weiter nichts als eine oratorische Figur ist-

Nun auch ein Paar Worte von Ihren Gedanken über denGebrauch, den die Virtuosen von den Begriffen der Ursache machen,um die Wirkungen dadurch schicklicher vorzustellen. Die Exempel hier-von müssen wohl sehr selten seyn, da die Falle in der Natur selbstsehr selten sind, wo uns die Ursache sinnlicher wäre, als die Wirkung.Die Dichter sind daher, wo sie sich des Bcgrifs der Ursache bedienthaben, meistens unpoetisch, das ist, unstnnlich geworden. Z. E. Wennsie die Jahreszeiten durch das Zeichen, in welchem die Sonn: in demThierkreise steht, haben anzeigen wollen. Nur alsdenn darf sichder Virtuose dieses Kunstgrifs bedienen, wenn die Wirkungen nichtin die Sphäre seiner Nachahmung gehören, und er die Sache dochnothwendig ausdrücken soll, und so war dem Lully frcvlich kein andrerWeg übrig; denn dic Wirkungen des Schlafs sind Ruhe und Stille,wie kann aber Stille durch Töne ausgedrückt werden? Ich erinneremich hicrbcy jenes alten Pantomimen, der die Worte: rov^/»-ov«, d. i. den großen Agamemnon, tanzen sollte. Wie kann einMann von großen Thaten, durch Bewegungen und Linien ausgedrücktwerden? Ein Mann von großer LeibcSgcstalt ist wohl dadurch auszu-drücken, und dieses war auch der Fehler, in welchen der Pantomimefiel, der sich bey dem Worte groß auf die Zehen stellte. Sein Lehr-meister, der auf Verlangen des Volks diesen Fehler gut machen sollte,war scharfsinniger, nahm zur Ursache seine Zuflucht, und gab sich dieStellung eines Tiefsinnigen, er hielt einen grossen tiefsinnigen Ver-stand für die Ursache grosser Thaten. Was die physikalische Ursacheanbelangt, warum Töne, welche weder wirklich steigen noch fallen,den Schlaf erregen, so glaube ich sie folgcndergcstalt deutlich genugerklären zu können. Der Schlaf ist die natürliche Folge der Entkräf-tung, und da sowohl der Körper als die Seele daran Theil nehmen,so kann er bald in dieser, bald in jenem zuerst entstehen. Die Seeleist müde, wenn sie kaum noch so viel Kräfte hat, sich das Einför-mige vorzustellen, da nun also dieser schwächere Grad ihrer Realitätvor dem natürlichen Schlafe vorhergeht; so kann cS nicht fehlen, derSchlaf muß auch darauf folgen, wenn ich meiner Seele diesen schwä-cher» Grad der Realität vorschlich gebe; d. i. wenn ich mir das Ein-förmige vorstelle. Weitläuftiger will ich mich nicht erklären; dennwenn Wahrheit in diesem meinem Gedanken ist, so werden Sie sie gc-