Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
95
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Lessings Brief«. 1757.

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Mit der Stelle aus dem Spinoza haben Sie Recht. Ein abermaligcr Beweis/ wie obenhin ich alles anzusehen gewohnt bin! WennIhnen mehr aufstoßen sollte, was mit meiner (oder vielmehr mit Ih-rer) Erklärung des Lachens einige Vcrwandschaft hat, so merken Siees ja fleißig an. Ich sammle an lächerlichen Geschichten und Ein-fällen; und endlich kann eine lustige, tiefsinnige Abhandlung vom Lä-cherlichen für die Bibliothek daraus werden.

AuS Ihrer Kritik der indeklamavcln Stellen in meiner Sara isteine Lobrede gewordrn. Ihre Fccundschaft läßt Sie mehr Schönesdarinn entdecken, als ich hineinzubringen im Stande gewesen bin.Gleichwohl kann ich mich nicht enthalten, Ihren Anmerkungen einigeandre entgegen zu setzen. Der Autor wird jederzeit das letzte Wortbehalten wollen. Der Grundsatz ist richtig: der dramatische Dichtermuß dem Schauspieler Gelegenheit geben, seine Kunst zu zeigen. Allein das philosophische Erhabne ist, meines ErachtenS, am wenigstendazu geschickt; denn eben so wenig Aufwand, als der Dichter, es aus-zudrücken, an Worten gemacht hat/ muß der Schauspieler, cS vorzu-stellen, an Geberden und Tonen machen. Wer das cju'il mouiutam gleichgültigsten, am meisten ohne Kunst ausspricht, hat es am be-sten ausgesprochen. ES ist zwar auch Kunst, die Kunst zu verstecken,sie zu rechter Zeit aus den Augen zu setzen; aber von dieser Kunst,glaube ich, ist hier nicht die Rede. Ich berufe mich, statt des bestenBeweises, auf den Unterschied, der unter den Gebchrdcn des Schau-spielers ist. Einen Theil der Gebchrdcn hat dcr Schauspieler jederzeitin seiner Gewalt; er kann sie machen, wenn er will; es sind diesesdie Veränderungen derjenigen Glieder, zu deren vcrschicdncn Modifi-kationen der bloße Wille hinreichend ist. Allein zu einem großen Theilanderer, und zwar gleich zu denjenigen, aus welchen man den wahrenSchauspieler am sichersten erkennt, wird mehr als sein Wille erfordert;eine gewisse Verfassung des Geistes nehmlich, auf welche diese oderjene Veränderung des Körpers von selbst, ohne sein Zuthun, erfolgt.Wer ihm also diese Verfassung am meisten erleichtert, der befördertihm sein Spiel am meisten. Und wodurch wird diese erleichtert?Wenn man den ganzen Affekt, in welchem der Akteur erscheinen soll,in wenig Worte faßt? Gewiß nicht! Sondern je mehr sie ihn zerglie-dern, je verschiedener die Seiten sind, auf welchen sie ihn zeigen, destonnmerklicher geräth der Schauspieler selbst darein. Ich will die Rededcr Marwood auf dcr 74. Seite s^Band II, S- 31^ zum Exempelnehmen. Wenn ich von einer Schauspielerinn hier nichts mehr ver-langte, als daß sie mit dcr Stimme so lange stiege, als cS möglich,