Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
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107
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LessingS Briefe. 17Z8.

107

An Glcim.

Leipzig , den 6. Februar 1758.

Liebster Freund!

Versöhnen Sie mich immer wieder mit unserm Grenadier, wenner wirklich auf mich zürnen sollte. Sie wissen ja wohl: wenn derPoet nicht zugleich Soldat ist, so ist der Poet eine sehr nachlässigeCreatur. Den Grenadier hat nur sein Stand so thätig und pünktlichgemacht; als Dichter würde er eS gewiß nicht seyn. Wenn ich csaber in Zukunft nicht etwas mehr werde, so machen Sie zur Strafe,daß er mich anwirbt, und mich durch Hülfe sein-S CorporalS vonmeiner Faulheit curirt. Unterdessen versichern Sie ihn, daß ich ihnvon Tag zu Tag mehr bewundere, und daß er alle meine Erwartungso zu übertreffen weiß, daß ich das Neueste, was er gemacht hat, im-mer für das Beste halten muß. Ein Bekenntniß, zu dem mir nochkein einziger Dichter Gelegenheit gegeben hat! DaS Lied auf den Siegbey Lowositz , und das auf den bey Lissa, ist wirklich schon unter derPresse, und beyde werden so, wie das auf den Roßbacher Sieg, ge-druckt. Dem ungeachtet bleibt cS gewiß dabey, daß alle seine Liederzusammen gedruckt werden sollen, und zwar noch eher als der Feldzugwieder angehen wird. Ich hoffe gar, noch diesen Monat; denn einigeZeit muß der Verleger haben, die einzelnen zuvor unterzubringen.Hatten Sie nicht in Ihrem vorhergehenden Briefe ausdrücklich ver-langt, daß sie zuvor einzeln sollten gedruckt werden, so könnte jetztgleich mit der Sammlung angefangen werden. Lassen Sie sich daherdiesen kleinen Verzug gefallen, dem auf keine Weise noch abzuhelfenist. Und der Grenadier erlaubt cS doch noch, daß ich eine Vorrededazu machen darf? Ich habe verschiedenes von den alten Kricgslicdcrngesammelt; zwar ungleich mehr von den Kricgslicdcrn der Barden undSkalden, als der Griechen. Ich glaube aber auch, daß jene für unsinteressanter sind, und auch ein größeres Licht auf die Lieder unsersneuen Skalden werfen. Was Sie unterdessen darüber angemerkt odergesammelt haben, das theilen Sie mir ja mit; cS könnte leicht etwasseyn, was mir entwischt wäre. Der alte» Sicgeslicdcr wegen habeich sogar das alte Heldcnbuch durchgelcscn, und diese Lectüre hat michhernach weiter auf die zwcv so genannten Heldengedichte aus demSchwäbischen Jahrhunderte gebracht, welche die Schweizer jetzt her-ausgegeben haben. Ich habe verschiedene Züge daraus angemerkt, diezu meiner Absicht dienen können, und wenigstens von dem kriegerischenGeiste zeugen, der unsere Vorfahren zu einer Nation von Heldenmachte. Beyläufig habe ich aber auch gesehen, daß die Herren Schwei-