L-ssings Briefe, 1768,
licbstcr Glcim; und Sie mögen mir auf diese Zeilen antworten odernicht, so schreibe ich Ihnen doch mit erster Post ei» mchrereS.Ich bin
Ihr ergebenster FrcnndLessing
An Kleist.")
Liebster Freund,
Unser Glcim ist ein recht böser Mann, daß er mir den Tag seinerAnkunft beh Ihnen, gemeldet zu haben vorgicbt, und zwar bey guterZeit gemeldet zu haben vorgicbt. Ich habe seit vier Wochen keine Zeilevon ihm gesehen, ob ich ihm gleich die Exemvlarc von seinen Licdcrnlind ihren neuen Gedichten schon längst geschickt habe. N»r erst vo-rigen Sonnabend bekomme ich einen Brief von ihm, der den 27. Fe-bruar datirt ist, und worin freylich etwas von seiner Reise zu Ihnensteht; ich möchte aber wohl wissen, wo dieser Brief liegen gebliebenWare, ob bey ihm in Halberstadt oder hier in Leipzig . Da ich alsodie Zeit, wenn er bey Ihnen seyn wolle, nicht eher erfahren habe, alsbis er schon längst wieder weg war; so kann ich wohl mit Recht sa-gen, daß ich sie gar nicht erfahren habe. Rechnen Sie mir, licbstcrFreund, mein Aussenblcibcn also nicht zn; und seyn Sie ja nicht un-gehalten. Ich habe doch einzig und allein das meiste dabcv verloren.— Aber ist es wirklich andem, daß der Herr Pastor Lange mit seinerDoris zugleich bey Ihnen gewesen ist? Was würden wir einander fürGesichter gemacht haben! Und der boshafte Glciin, was für Einfallewürde er auf unser beyder Rechnung haben strömen lassen! Er würdeuns haben versöhnen wollen, und wir würden haben thun müssen, alsob wir niemals Feinde gewesen waren. Es ist mir bey dem alle»recht lieb, daß ich dieser Verlcgcnhcit entgangen bin.
Sie bleiben auch gewaltig lange weg, liebster Freund. Und gleich-wohl darf ich es nun kaum recht wagen, Sie zu besuchen. Denn ichweiß, daß der Herr General schon zu verschicdnen Malen gesagt hat,daß er Sie alle Tage wieder erwarte.
Morgen geht daS Bataillon Garde von hier weg; nach Breßlau,wie man sagt. Das ist die einzige Neuigkeit, die ich Ihnen von hier
°) Zuerst in dem Briefwechsel mit Gleim gedruckt. Zum Theil liiho-raphiert i» „Facsimile von Handschriften berühmter Männer und Franc»aus der Sammlung dcs Herausgebers, bekannt gemacht von vr WilhelmDorow", Heft 11, Berlin (ohne Zahr), N. 28.