Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
116
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LcssingS Briefe. 1758.

mich aus dem Wüste von Gelehrsamkeit, in welchen ich jetzt versun-ken, wieder heraus gearbeitet habe. Meine Ucbcrsctzung kann zurMesse nunmehr doch nicht fertig werden; und ich habe Sie ohnedemüber verschiedne Punkte derselben vorher zu Rathe zu ziehen. Wiewollen Sie z. E. äoliZkt, in so fern cS unser Engländer dem plealuieentgegen stellet, übersetzen? Doch das ist eine Kleinigkeit; ich erwartevon Ihnen weit wichtigere Anmerkungen über das ganze System desVerfassers. Schreiben Sie mir alles, was Ihnen darüber einfällt.Ich hebe Ihre Briefe heilig auf, und werde alle Ihre Gedanken zunutzen suchen, sobald ich mich der Sphäre der Wahrheit wieder nähernwerde. Jetzt schweife ich in der Sphäre der historischen Ungewißheitherum, und Sie glauben nicht, mit welcher Menge von nichtSwürdi-gen Kleinigkeiten mein Kopf jcht angefüllt ist. Der einzige Vortheil,den ich davon wegbringen werde, ist dieser, daß ich das alte schwäbi-sche Deutsch gelernt habe, und die Gedichte darin», welche die Schwei-zer anS Licht bringen, mit vieler Leichtigkeit nunmehr lese. Ich wolltedaher, daß Herr Nicolai nicht schon die Fabeln der Minnesinger unddie Krimhilden Rache recensier hätte; ich würde Verschiedenes dabeyzu erinnern haben, welches zeigen könnte, daß die Schweizer dieserArbeit bcv weitem nicht so gewachsen sind, als sie glauben. Sie ha-ben in ihren Alollui'ii«, die sie dem alten Dichter beygefügt, sehrgrobe Fehler gemacht. Zu so einer Arbeit finde ich mich allenfalls jetztaufgelegt, nicht aber GlcimS Fabeln zu recensircn. Unterdessen, daSie und Herr Nicolai eS durchaus haben wollen, so soll eS geschehen,ich werde aber sehr wenig zu dem Ihrigen hinzusehen, außer der Vcr-gleichung, die ich zwischen der Fabel von den Pferden auS dem Gayund der Gleimschen Nachahmung anstellen will.

Nunmehr aber auch auf Ihren Brief über das Wesen der schönenWissenschaften zu kommen. Wollen Sie mir nicht ein wenig einendeutlichern Begrif davon machen, als mir Herr Nicolai davon ge-macht hat? WaS habe ich denn dabcv zu thun, daß mir Herr Nicolaischon den Nahmen Theophrast gegeben hat? Thcophrast! Je nun;wenn es nicht anders ist, so bin ich hiermit

Leipzig , ganz der Ihrige

den 2. April 1758. , Theophrast.')

°) Moses Halle in des erste» Bandes zweyte»! Stucke der Bibliothekder schone» Wissenschaften eine Abhandlung über die Quelle» und die Ver-bindungen der schönen Künste und Msseiischaflc» eingenickt. Diese Materiewar oft der Gegenstand unserer Unterredungen, und wir kamen bey diesem