Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
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125
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Lcssings Briefe. 176?.

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An Gleim.

Berlin / den 16. Deccmb. 1728.

Liebster Freund!

Ich bleibe Ihnen die Antwort auf Ihre letzten sehr angenehmenBriefe lange schuldig. Sie werden die Ursache gleich hören. Vorallen Dingen muß ich Ihnen sagen, daß ich das Gedicht unser-Z Gre-nadiers, als ein Gedicht, mit dem größten Vergnügen gelesen habe.Er ist hier weit ernster, feyerlichcr, erhabener, als in seinen Liedern,ohne deswegen auS seinem Charakter zu gehen. Allein soll ich eS fürnichts, als für eine Wirkung seiner frappanten Art zu malen halten,wenn mir bey verschiedenen Stellen vor Entsetzen die Haare zu Bergegestanden haben? Sehen Sie, liebster Freund, ich bin aufrichtig, undich kann es gegen Sie ohne Gefahr seyn. Ich wollte diese Stellennicht zum zwcytcnmal lesen, und wenn ich noch so viel damit gewin-nen könnte. Ja, gesetzt, es wird über kurz oder lang Friede; gesetzt,die itzt so feindselig gegen einander gesinnten Mächte söhnen sich auS(ein Fall, der ganz gewiß erfolgen muß): waS meinen Sie, daßalsdann die kältern Leser, und vielleicht der Grenadier selbst, zu somancher Uebertreibung sagen werden, die sie itzt in der Hitze des Af-fcctS für ungezwcifcltc Wahrheit halten? Der Patriot überschrcvctden Dichter zu sehr, und noch dazu so ein soldatischer Patriot, dersich auf Beschuldigungen stützt, die nichts weniger als erwiesen sind!Vielleicht zwar ist auch der Patriot bey mir nicht ganz erstickt, obgleichdas Lob eines eifrigen Patrioten, nach meiner DcnkungSart, daS al-lerletzte ist, wonach ich geihcn würde; des Patrioten nehmlich, dermich vergessen lehrte, daß ich ein Weltbürger scvn sollte. In diesemFalle also, wenn eS nehmlich eine bloße Collision des Patriotismusist, die mich dicseSmal mit unserm Grenadiere weniger zufrieden macht,als ich sonst zu seyn so viel Ursach habe vei-iam peiimus cladi-mus^iiL vicillim. Ich war auch, in Betrachtung dessen, gar nichtWillens, daS Gedicht unsers Grenadiers zu unterdrücken, oder wenig-stens vom Drucke abzuhalten. Allein da jetzt nicht eine Zeile ohneCensur und Erlaubniß hier in Berlin gedruckt werden darf, so mußteeS nothwendig vorher ccnsirt werden, und erst heute erfahre ich, baßeS die Censur nicht passircn kann. Ohne Zweifel ist die anstößigeErwähnung des von Ratt die vornehmste Ursache. Der König hatsich in dieser Sache selbst zu öffentlich Unrecht gegeben, als daß eSihm angenehm seyn könnte, sich auf eine solche Weise daran erin-nert zu sehen.