Messings Briefe. 175!1.
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im Stande seyn, mehr lesen zu wolle». Mit der nächsten Post mehr.Leben Sie wohl. Ich bin
ganz der Ihrige_ Lessing.
An Glcim.
Berlin , den 1. September 1759.
Liebster Freund/
Ich setze in der größten Verwirrung die Feder an. Ich weiß,Sie werden sich alle Posttage nach einem Briefe von mir umsehen;ich muß Ihnen also nur schreiben, ob ich Ihnen gleich auch itzt nochnichts ganz Zuverlässiges von unserm theuersten Rleist melden kann.
Herr von Brand ist bey der Armee des Königs gewesen, undvorgestern Abends wieder zurückgekommen- Er hat sich genau nachunserm Freunde erkundigt und von dem Obersten von Rleisi, seinemVetter, erfahren, daß er sich in Frankfurt noch bis äalo befände. Ersoll nicht mehr als sechs Wunden haben. Der rechtschaffene Mann!Er hat sich, — und das hat nicht allein der Oberste, sondern das ha-ben ihm noch viele andere Officicre gesagt — an dem unglücklichenTage außerordentlich hervorgethan. Er hat die ersten Wunden garnicht geachtet, sondern ist vor seinem Bataillon noch immer zu Pferdegeblieben; und als er endlich gestürzt, hat er noch auf der Erde sei-nen Leuten zugerufen und sie aufS beste angefeuert. Loch auch hierhat alles nichts helfen wollen; er hat müssen auf der Wahlstatt liegenbleiben, und ist so, nebst allen andern schwer Verwundeten, den Rus-sen tn die Hände gefallen.
Gestern erhielten wir Nachricht, daß die Russen Frankfurt ver-lassen hätten. Sie haben sich nach Guben gezogen, um sich mit denOestrcichern zu vereinigen. Ich schrieb also gleich, nebst dem HerrnProfessor Sulzer, nach Frankfurt . Aber kaum war mein Brief fort,so machte man mich besorgt, daß ich ihn wohl würde vergebens ge-schrieben haben. Herr venino") nehmlich, der gleichfalls bey derArmee gewesen ist, will da für gewiß erfahren haben — kaum kannich es Ihnen schreiben, aber ich muß — er will erfahren haben, daßunser liebster Freund bereits an seinen Wunden gestorben sey. Nochmehr; heute ist ein Journal von dem, was sich von Tag zu Tagwährend der Anwesenheit der Russen in Frankfurt daselbst zugetragen