Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
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143
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LessingS Briefe. 1760.

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war nicht alles dein freyer Wille? Wärest du nicht Berlins satt?Glaubtest du nicht, daß deine Freunde deiner satt seyn müßten? daßes bald wieder einmal Zeit sey, mehr unter Menschen als unterBüchern zu leben? daß man nicht bloß den Kopf, sondern, nachdem dreyßigsten Jahre, auch den Beutel zu füllen bedacht seyn müsse?Geduld! dieser ist geschwinder gefüllt, als jener. Und alsdann; als-dann bist du wieder in Berlin , bist du wieder bey deinen Freunden,und studierst wieder. O wenn dieses alsdann schon morgen wäre!" Und so, liebster Freund, macht mich die Hoffnung allgemachwieder ruhig; macht, daß ich meinen gethanen Schritt billige; macht,daß ich mir schmeichle, auch meine Freunde werden ihn billigen. Siekenne» mich; und wenn ich nicht zu loben bin, so bin ich doch we-nigstens zu entschuldigen. Versichern Sie mich dessen ja bald! IhreBriefe werden ein Großes beytragen, daß ich mir wenigstens die Reue,die unnützeste von allen unangenehmen Empfindungen, erspare. Dennwenn Sie mir oft schreiben, so werde ich Sie seltner vermissen. Ichmache meinen Ueberschlag so: Wenigstens immer um den dritten Tagvertrieben wir einer dem andern eine Stunde; jeder von uns wendediese Stunde auf einen Brief; und so habe ich für Eine glücklicheStunde zwey: die, da ich an Sie schreibe, und die, da ich IhreAntwort erhalte. An Stoff soll cS uns nicht fehlen, so lange unsereFreundschaft dauert, so lange Horaz und alte deutsche Dichter in derWelt sind. Ich habe von den letzter» schon verschiedene hier bckommen, die ich sehr werth halte. Wollen Sie, daß ich Ihnen künftigclwaS davon schreiben soll? Recht gern; aber mit der Bedingung,daß ich gleich mit dem ersten Briefe eine Horazische Ode von Ih-nen erhalte!

Und nun? Was machen unsere Freunde? WaS macht mein lieberGase") und sein HauS? Empfehlen Sie mich ihm, ihr, seinen Kin-dern (hier wird er sich ein väterliches Air geben) und Allen, mit welchcn wir in Ihrer Gesellschaft so manchesmal lustig gewesen sind; vor-nehmlich der Madame Therbusch . Und alsdann, unsern Klub")nicht zu vergessen! Alle Frcytag Abends klopft mir das Herz, undich weiß nicht, was ich darum gäbe, wenn ich mich noch itzt alle

*) Herr v. Easc war ci» alter Bekannter Lcssings. i?r hcirathclc in Bcrlln die Wittwe des Malers Mallhicn, eine gcbornc Lisicwska, eine geschickteKünstlerin». Von Berlin ging er ungefähr um 1766 nach Braunschwcig,wo er im Z. 1779 Professor am Karolinum ward. Nicolai.

**) Dieser Klubb ewigcr Gelehrter ward 1748 in Berlin errichtet, undcrisiirt noch. Nicolai.